Leben als weiblich gelesene Person: Ewig fruchtbar bis ins hohe Alter

Bei männlich gelesenen Personen wird mehr gelesen als ihr Äußeres, zum Beispiel ihre Artikel zu brennenden Fragen der Zeit oder ihr Kontoauszug.

Ein Friseur beim Färben von Haaren.

Haare färben bis ins hohe Alter oder in Ruhe grau und schrumpelig werden? Foto: Magdalena Tröndle / dpa

„Erzähl das deiner Friseurin“, sagte der Vater meiner Kinder manchmal zu mir, wenn er keine Lust hatte, sich etwas anzuhören über drohenden Zehennagelkrebs oder den jüngsten Streit mit meinem Kollegen oder meiner Mutter, und dann sagte ich oft, „das habe ich schon“. Jedenfalls dann, wenn gerade der turnusgemäße Friseurbesuch hinter mir lag.

Fast mein ganzes Erwachsenenleben habe ich kurze Haare getragen, das sieht erstens gut aus und verlangt zweitens weder Föhn noch Styling oder irgendeine andere Art zeitfressender Aufmerksamkeit. Nur kann man sie nicht wie andere aus der Form geratene Frisuren zu einem Zopf zusammentüdeln, sie müssen regelmäßig gestutzt werden wie ein englischer Rasen oder ein Königspudel.

Seit fast 25 Jahren gehe ich daher alle sechs bis acht Wochen zu Jessi. So heißt meine Friseurin, und sie hat mich durch alle Lebenslagen begleitet und weiß mehr über mich als viele andere, aber das wird sich jetzt ändern, denn von nun an teile ich das, was ich ihr erzähle, mit allen, die solch Text gewordenes Oversharing lesen.

Das stimmt so natürlich nicht, denn ich spare hier die blutigsten Details aus. Jessi kann das ab, sie ist vom Fach und hört täglich Geschichten über Operationen, Geburtsverletzungen, untreue Ehemänner und gescheiterte Käufe von Designerküchen. Dazu möchte ich sagen, dass ich seit einer Polypen-OP als Kind unter mäßig gelungener Narkose Krankenhäuser meide, bei der einen Geburt nur eine geschürfte Schamlippe hatte, mein Mann und ich uns glücklich getrennt haben ohne das Zutun Dritter (glaube ich jedenfalls) und die einzige Küche, die ich bisher gekauft habe, von Ikea war.

Von nun an teile ich das, was ich meiner Friseurin erzähle, mit allen, die solch Text gewordenes Oversharing lesen

Aber an der geschürften Schamlippe sollte deutlich werden, dass es in dieser Kolumne schon mal zur Sache gehen wird, und die Sache hat mit Körpern zu tun, genauer mit Frauenkörpern, denn so einen habe ich, auch wenn die jungen Menschen heutzutage sagen, ich sei eine Person, deren Körper weiblich gelesen werde (außer von vielen Kindern, die lesen mich männlich, wegen der kurzen Haare). Die Tochter von Freun­d:in­nen erzählte, dass eine Uni-Dozentin jede Woche aufs Neue abfrage, mit welchem Pronomen die Seminar-Teilnehmer:innen gerade bezeichnet werden wollen. Das sind Momente, in denen ich mich sehr, sehr alt fühle.

Aber gut, man muss mit der Zeit gehen, und viele Probleme würden sich von alleine erledigen, wenn es nur noch Personen gäbe – oder Menschen. Zum Beispiel müsste ich seltener zum Friseur gehen, weil bei männlich gelesenen Personen mehr gelesen wird als ihr Äußeres, zum Beispiel ihre Artikel zu brennenden Fragen der Zeit oder ihr Kontoauszug. Da fallen fehlende Konturen des Kopfhaars nicht so auf und die anderen Haare dürfen auch wachsen, wie sie wollen.

Am Donnerstag sehe ich Jessi und dann frage ich sie, ob sie glaubt, dass ich jetzt meine Wangen waxen muss, denn dort wächst neuerdings ein feiner Flaum. Das kommt, weil sich mit Ende 40 aufgrund des Östrogenmangels „Vermännlichungserscheinungen“ einstellen, wie es so überaus charmant auf frauenaerzte-im-netz.de heißt.

Das darf aber niemand wissen! Angezogen und von hinten soll ich bis ins hohe Alter aussehen, als wäre ich eine geeignete Sexualpartnerin für den Arterhalt. Um so zu tun, als wäre ich noch fruchtbar, wollte ich das Grau in meinen Haaren verschwinden lassen, aber Jessi hat sich geweigert. „Nä, das bist du nicht.“ Erst war ich sauer, genau wie damals, als sie mir die Haare nicht bordeauxrot färben wollte, sondern orange und ein paar Jahre später anders herum, aber jetzt denke ich: Jessi hatte recht, wie immer. Ich will in Ruhe grau und schrumpelig werden.

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Seit 2003 bei der taz als Redakteurin. Themenschwerpunkte: Soziales, Gender, Gesundheit. M.A. Kulturwissenschaft (Univ. Bremen), MSc Women's Studies (Univ. of Bristol); Alumna Heinrich-Böll-Stiftung; Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin; Lehrbeauftragte an der Univ. Bremen; seit 2019 in Weiterbildung zur systemischen Beraterin.

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