Selbstbestimmung um jeden Preis: Bloß weg mit Hormonen und Gefühlen

Über ihren Körper wollen junge Feministinnen heute selbst bestimmen. Wenn dessen Bedürfnisse nicht in ihr Konzept passen, bekommen sie Stress.

Eine Frau rührt einen roten Smoothie

Mit oder ohne Topping? Sexualität ist ambivalenter als der Kauf eines Smoothies Foto: Archiv

Meine Friseurin und ich, wir sind ja nicht mehr die Jüngsten. Als wir Teenager waren, hatten unsere Eltern gerade das erste Tastentelefon angeschafft und H&M gab es nur in den Großstädten und dort auch nicht an jeder Ecke. Und niemals hätte das schwedische Modelabel „feminist“ auf seine T-Shirts gedruckt. Wie alt ich bin, merke ich, wenn ich Texte der jüngsten Feminist:innen-Generation lese, also derjenigen, die ohne logopädische Hilfe Gender-Sternchen artikulieren kann und H&M boykottiert, weil „feminist“ nur ein Aufdruck ist und keine unternehmerische Haltung.

In vielen dieser Texte geht es um körperliche Selbstbestimmung und sie erwecken den Eindruck, als könnten weiblich gelesene Menschen in dieser Hinsicht quasi alles selbst entscheiden. Vorausgesetzt, sie entstammen normal gestörten Familien, haben die richtigen Kontakte und das nötige Kleingeld.

Aber dann sind ihrer Selbstbestimmtheit kaum Grenzen gesetzt, und wenn doch, reagieren sie höchst empfindlich, wie auf diesen sagenhaft nazimäßigen Paragrafen 218, der Menschen mit Uterus in eine Reihe mit Mördern stellt, wenn sie nicht jede befruchtete Eizelle in ihren Bäuchen zu einem Kind heranreifen lassen wollen.

Das erscheint ihnen zurecht als ein irrer Zugriff des Staates auf ihren Körper, ein Zustand, den wir Älteren fast ein Vierteljahrhundert verdrängt hatten. Bis diese Ärztin aus Gießen darauf aufmerksam machte, dass das Internet zwar das beste Rezept für veganen Käsekuchen ausspuckt – aber nicht, wer eine Schwangerschaft beendet und mit welcher Methode.

Nicht von der Lust treiben lassen

Das liegt daran, dass der Gesetzgeber befürchtet, dass Menschen mit Uterus ihrer Gebärpflicht nicht nachkommen, wenn man ihnen Abtreibungen zu leicht macht. Immerhin das Informationsverbot will die Ampel am Donnerstag abschaffen, und das liegt auch daran, dass junge Frauen heute so großen Wert auf Selbstbestimmung legen.

Aber hin und wieder wundere ich mich darüber, wie frei von jeglichen Einflüssen durch Hormone oder Gefühle sie sein wollen. Wenn diese mich daran erinnern, dass ich auch nur ein Säugetier bin, finde ich persönlich das angenehmer, als wenn mir das jemand anderes einreden will, weil ihm (seltener: ihr) das hilft, Macht über mich zu behalten. Aber diese jungen Feminist:innen, so scheint mir, wollen davon eher gar nichts hören.

Wenn ich die Texte richtig verstehe, lassen sie sich etwa beim Sex nicht von ihrer Lust treiben und schon gar nicht von ihr überwältigen, sondern überlegen stets, worauf ihnen gerade der Sinn steht, bevor sie einer Praktik zustimmen. Das nennen sie konsensualen Sex und weil sich Körpersprache mutwillig missverstehen lässt, muss es ein verbalisiertes „Ja“ oder „Nein“ sein. Ich verstehe die Intention dahinter, bin aber selbst nicht in der Lage, in jeder Situation mit kühlem Kopf das Für und Wider meiner Handlungsoptionen abzuwägen. Das liegt vielleicht daran, dass Sexualität ambivalenter ist als der Kauf eines Smoothies.

Genauso halten sie es mit allen Fragen der Reproduktion. Sie wollen entscheiden, wann und mit wem sie ein Kind bekommen, ob sie es betäubt oder unter Schmerzen gebären, per Sectio herausschneiden oder auch gleich von jemand anderem austragen lassen. Und wenn das Kind dann da ist, wollen sie sich für oder gegen das Stillen entscheiden dürfen, und auch, ob sie zum Muttertier mutieren, das sich für kaum etwas anderes interessiert als für die eigene Brut oder ob sie es mit drei Monaten in die Kita geben, weil ein Kind die Sache mit der Selbstbestimmung schon arg erschweren kann.

Und dann darf frau sich noch nicht einmal beschweren, weil sie das Kind ja aus freien Stücken bekommen hat und nicht, weil ihr keine anderen Wege der Selbstverwirklichung offen standen oder weil es keine Verhütungsmittel gab. Zumindest den Wunsch nach Übersichtlichkeit kann ich gut verstehen.

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Seit 2003 bei der taz als Redakteurin. Themenschwerpunkte: Soziales, Gender, Gesundheit. M.A. Kulturwissenschaft (Univ. Bremen), MSc Women's Studies (Univ. of Bristol); Alumna Heinrich-Böll-Stiftung; Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin; Lehrbeauftragte an der Univ. Bremen; seit 2019 in Weiterbildung zur systemischen Beraterin.

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