Manifest für DIY-Hormontherapie: Lasst uns Hormone tauschen!
Anti-Trans*-Gesetze sind auf dem Vormarsch, die „offizielle“ Gesundheitsversorgung wird schwieriger. Zeit für selbstverantwortete Behandlungen.
D ie Hormone denen, die sie wollen! Denn für immer mehr Trans*-Menschen stellt die selbstverantwortete Hormontherapie eine Alternative zur offiziellen Gesundheitsbürokratie dar. Nicht aus Spaß an der Freude, sondern aus Überlebenswillen. Es ist eine stille Revolution. Und dieses Manifest will ihr eine Stimme verleihen.
Wenn Menschen ihr Geschlecht durch medizinische Maßnahmen anpassen möchten, ist der erste Schritt oft der Austausch der Geschlechtshormone. Diese Therapieform kann bei vielen Gynäkolog*innen oder Endokrinolog*innen durchgeführt werden. Doch neben dem „offiziellen“ Weg finden viele Behandlungen auch ohne anerkannte Ärzt*innen im Privaten statt. In diesen Fällen spricht man von Do-it-yourself-Hormontherapie.
International ist diese selbstverantwortete Hormontherapie extrem verbreitet. Denn Anti-Trans*-Gesetze sind seit Jahren auf dem Vormarsch und die „offizielle“ Versorgung wird an vielen Orten schwieriger. Internationale Hilfswerke haben Trans*-Menschen, auch unter dem Druck der USA, teils fallengelassen. Wesentliche Projektmittel wurden gekürzt oder an die Auflage geknüpft, Trans*-Menschen von der geförderten Gesundheitsversorgung auszunehmen.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
In vielen Ländern gab es noch nie einen „offiziellen“ Weg. In Uganda etwa, in Kenia, Litauen oder der Ukraine. Die Versorgung von Trans*-Menschen findet dort über kleine Vereine und Hilfswerke statt, oder direkt über ein privates Labor. Es ist schließlich nicht besonders schwierig, Hormone privat herzustellen, alle dafür nötigen Stoffe lassen sich leicht und günstig aus China importieren.
Auch für die Qualitätssicherung benötigt man nicht unbedingt Ärzt*innen oder eine Klinik. Trotzdem ist natürlich Vorsicht geboten und nicht alle Anbieter arbeiten professionell. Seriöse Statistiken zur selbstverantworteten Hormontherapie existieren kaum, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie global bereits verbreiteter ist, als die „offizielle“ Versorgung.
Hoch die intramuskuläre Testo-Injektion!
Und in Deutschland? Zwar ist die Hormontherapie hierzulande offiziell anerkannt, die konkrete Versorgung war bislang aber im besten Fall lückenhaft. Die Hürden waren schon immer hoch. So braucht man etwa eine deutsche Krankenversicherung, die vielen Neuangekommenen fehlt. Die Versicherung muss zudem die Notwendigkeit geschlechtsangleichender Maßnahmen anerkennen und auch bereit sein, dafür zu zahlen.
Wenn all dies klappt, benötigen Trans*-Menschen noch immer zahlreiche Gutachten und Schreiben von verschiedenen medizinischen Spezialist*innen, für die sie teilweise quer durch Deutschland fahren müssen, hinzu kommen endlose Wartezeiten. Große Teile der Community werde so vom „offiziellen“ System ferngehalten.
Über die Hormontherapie hinaus steht seit einem Urteil des Bundessozialgerichts vom Oktober 2023 die Versorgung von Trans*-Menschen in Deutschland ganz grundsätzlich infrage. Eine nicht-binäre Person hatte damals auf die Übernahme für die Kosten ihrer Brustentfernung geklagt. Das Gericht wies die Klage zurück und begründete dies damit, dass die Behandlung von Geschlechtsinkongruenz durch „irreversible“ chirurgische Eingriffe als Behandlungsmethode „neu“ sei.
Die Krankenkassen entwickelten in der Folge eine sehr weite Interpretation des Urteils, die das Stigma des „Neuartigen“ und „Experimentellen“ auf jede Form geschlechtsaffirmierender Maßnahmen ausdehnte. Mutmaßlich, um nicht dafür zahlen zu müssen.
Neu war aber nicht die Behandlung, sondern die Diagnose. Der Begriff „Geschlechtsinkongruenz“ hat in der Medizin die abwertende und pathologisierende Diagnose „Transsexualismus“ ersetzt. Er bedeutet, dass das zugewiesene Geschlecht einer Person nicht übereinstimmt mit dem empfundenen Geschlecht.
In ihrem Versuch, Behandlungen im Rahmen der neuen Diagnose zu beurteilen, stellen das Gericht und die Kassen nicht nur die Verfahren, sondern ganz allgemein Trans*-Menschen als irreversibel, neuartig oder experimentell dar und beschwören damit ein altes Stigma.
Ein solcher Kampf wurde schon einmal gewonnen
Die trans*feministische Autorin Susan Stryker beschrieb dieses Stigma einmal durch das Bild von Frankensteins Monster. Schon in frühen trans*feindlichen Texten findet sich der Vergleich der Trans*-Medizin mit den düsteren Experimenten aus Mary Shelleys Roman. Stryker wendet diese diffamierende Perspektive, indem sie sich mit dem Monster identifiziert. Besonders mit einer Szene, in der der experimentierende Doktor erkennen muss, dass seine Kreatur nicht nach seinen Regeln spielt und beginnt, ihm zu antworten und ihm zu widersprechen. Selbstverantwortete medizinische Praktiken geschehen im Geiste dieses Widerstands.
Wenn die Gesundheitsversorgung unter dem Vorwand der Neuartigkeit zu Fall gebracht wird, gehen wir einen neuen Weg. Er beginnt damit, freundschaftlich auszuhelfen, wenn ein Mensch die Hormontabletten zu Hause vergessen hat. Er wird beschritten, wenn ein Mensch nach einem Präparatewechsel nicht verwendete Hormone weitergibt. Oder wenn eine Mutter in der Menopause, ihrer Tochter das Estradiol-Gel weitergibt. Unser Weg führt bis hin zum privaten Labor, inklusive selbst organisierter Qualitätskontrolle und Bluttests. Zum Selbstschutz sprechen Trans*-Menschen außerhalb der Community kaum über diesen Weg. Darauf möchten wir Rücksicht nehmen.
Doch ein Kampf wie dieser wurde in der Breite der Gesellschaft schon einmal geführt – und auch schon einmal gewonnen. Damals nannte man eine Mischung aus Östrogen und Gestagen „Antibabypille“. Diese „neuartige und experimentelle“ Behandlungsmethode spielte eine zentrale Rolle darin, die Weichen für eine selbstbestimmte weibliche (Hetero-)Sexualität zu stellen, ohne die wir uns die Gegenwart kaum mehr vorstellen können.
Auch die Pille wurde anfangs kontrovers diskutiert. 1964 sprach die Bundesregierung in einer Fragestunde von der Bezeichnung „Antibabypille“ als „grob anstößig“ und nannte sie etwas pathetisch „sprachlichen Missbrauch“. Viele Ärzte, wenige *innen, lehnten es aus moralischen Gründen ab, sie zu verschreiben. Der Papst klagte über die „allgemeine Aufweichung der sittlichen Zucht“ und Alice Schwarzer riet statt zur Pille zum Nachdenken über Penetration. Doch Menschen fanden Mittel und Wege, das Medikament zu nutzen.
Hoch die intergeschlechtliche Solidarität!
Aus der Geschichte der Pille lässt sich lernen. Die Hormontherapien der Trans*-Medizin unterscheiden sich nicht wesentlich von der Pille und gar nicht von den Hormonpräparaten, die Frauen ab der Perimenopause verschrieben werden. Es braucht neue Solidaritäten zwischen diesen Gruppen, um sich einer patriarchalen Biopolitik entgegenzustellen, die uns heute wie damals das Recht auf körperliche Selbstbestimmung verwehrt. Das Patriarchat lebt davon, unsere Körper zu beherrschen.
Sophie Fichtner spricht in der neuen Folge Reingehen mit Lilly Schröder über Magersucht und Solidarität mit dem eigenen Körper.
Dagegen braucht es die Solidarität zwischen Menschen, die – aus welchem Grund auch immer – Hormone einnehmen. Ganz gleich, ob ihre Transitionen der Verhütung dienen, Alterserscheinungen behandeln oder ein Gender Hacking sind, das die uns aufgezwungenen Systeme geschlechtlicher Positionierung ausdribbelt und kreativ umgeht.
Hormonnutzende aller Länder, vereinigt euch, ihr habt nicht mehr zu verlieren, als die Kontrolle, die das Patriarchat über eure Körper besitzt. Sie sehen uns als Abtrünnige der gott- und naturgegebenen Geschlechterordnung. Jede Nebenwirkung, unter der wir leiden, seien es Brustschmerzen, Stimmungsschwankungen oder moralische Stigmata, werden zum Erhalt dieser Ordnung mobilisiert. Man gibt vor, uns vor den eigenen Entscheidungen zu schützen. Man kann sich nie sicher sein, dass man eine getroffene Entscheidung niemals bereuen wird. Niemand aber würde auf solchen Unsicherheiten herumreiten, wenn es darum ginge, sich für mehr Arbeit, mehr Kinder und mehr Wehrdienst zu entscheiden.
Das Ancien Régime dieser Geschlechterordnung ist längst gefallen. Zunehmend ziehen die Menschen ihre Konsequenzen und werden zu den Expert*innen, die sie selbst nie gefunden haben. Die selbstverantwortete Hormontherapie findet statt, nicht mehr bloß im Kleinen. Und ihre Nutzer*innen und Produzent*innen sind besser informiert, als der „offizielle“ Gesundheitsapparat. Doch diese Expertise wird nicht anerkannt. Wir werden wissenschaftlich ignoriert und medial dämonisiert.
Lasst uns diesen Kampf nicht mehr alleine führen, nicht mehr aus dem geheimen Labor oder aus der Anonymität des Netzes. Lasst uns Seite an Seite für ein selbstbestimmtes Leben kämpfen. Gemeinsam sind wir stärker als christliche Lobbyorganisationen, trans*feindliche und rechte Frauenbewegungen. Lasst uns über unser Wissen sprechen. Lasst uns Hormone tauschen. Nieder mit dem Papst und Alice Schwarzer! Hoch die intramuskuläre Testo-Injektion! Hoch die intergeschlechtliche Solidarität!
Unser Mittel gegen Antifeminismus
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