Landdisko im Museumsdorf: Der hellste Stern am Disco-Himmel

Das Museumsdorf Cloppenburg lädt nun in eine originalgetreue Landdiskothek. Die stand im Dorf Harp­stedt und wurde originalgetreu wieder aufgebaut.

Eine Discokugel hängt an einer Decke

Licht drauf und abhotten: Discokugel Foto: Martin Schutt/dpa

Viel braucht man nicht, um jeden noch so schmucklosen Raum in eine amtliche Disse mit Nachtfiebergarantie zu verwandeln: Lampe, Kugel, Schnur, CD, Schere, Klebe und ein paar Handgriffe – fertig ist die Disco­kugel oder, viel schöner: der „Myriaden-Reflektor“. So nannte dessen Patentinhaber Louis B. ­Woeste seine Erfindung – im Jahr 1916. „Sie verwandelt den Raum in ein glänzendes Märchenland aus blitzenden, wechselnden und lebendigen Farben – ein Raum mit Millionen farbigen Funken“, so bewarb man das Ding dann 1922.

Schon vor Woestes Erfindung soll es Vorläufer gegeben haben, in Tempeln etwa. Bereits 1859 sollen die Brüder Charlie und Logan McGrath so einen Lichteffekt in ihrer englischen Bar aufgehängt haben. 1897 soll die „International Brotherhood of Electrical Workers“ ihren jährlichen Ball mit einem „mirrored ball“ illuminiert haben. Und auf einem Foto von 1912 ist in einem Zimmer eine Spiegelkugel zu sehen – zur Entspannung von Tuberkulose-Patien:innen.

Ende der 1920er-Jahre hing die Mutter aller Partyeffekte schon in etlichen europäischen Tanzpalästen, wo man gerade den Jazz entdeckte. In Walther Ruttmanns 1927er-Doku „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ sind gleich zwei verspiegelte Kugeln zu sehen.

Als hellster Stern am Disco­himmel aber ging die Kugel natürlich erst in den 1970ern mit dem kulturindustriellen Hype um die Diskothek auf. Auch das Kaffee-und-Kuchen-Tanzlokal „Zum Sonnenstein“ im niedersächsischen Harpstedt – wo einer von drei „Sonnenstein“ genannten Menhiren steht – bekam Mitte der 1970er-Jahre von den neuen Bei­trei­be­r:in­nen Klaus und Gunda Sengstake neue Lichteffekte und Schallplatten spendiert, um einen zeitgemäßen Treffpunkt für die Jugend im Oldenburger Land zu schaffen: 72 Leuchtstofflampen und insgesamt 50 Effekte hingen an der Decke, im Zentrum: die Disco­kugel.

Zeugnis regionaler Jugendkultur

Das weiß man so genau, weil seit 2018 alles akribisch erfasst und abgeschraubt wurde. Stein für Stein, Tresen für Tresen und Lichteffekt für Lichteffekt wurde das vom Abriss bedrohte Gebäude als „Zeugnis regionaler Jugendkultur“ abgebaut und im 50 Kilometer entfernten Museumsdorf Cloppenburg möglichst originalgetreu wieder aufgebaut. Dort will man sich nämlich „künftig verstärkt der Erforschung und der Präsentation regionaler Kulturgeschichte der 1950er- bis 1980er-Jahre widmen“.

Eigentlich sollte der „Sonnenstein“ schon im September 2020 für einen Ausflug in „die Zeit der Dauerwellen, Popper und Tennissocken“ eröffnet werden – wer konnte schließlich damit rechnen, dass ausgerechnet in Discos mal ein Kontaktverbot bestehen würde. Nun wird die Eröffnung nachgeholt: Am kommenden Freitag um 16 Uhr, zur besten Nachmittagsdiskozeit, wird die Landdisko regulärer Teil des Museumsbetriebs, mit Kulturministerbesuch, ehemaligen DJs und Discofachleuten. Und eine Woche später wird es dann auch andernorts wie früher: Dann öffnet im anderen Oldenburg, dem in Holstein, mit dem „Horizon Club“ erstmals testweise wieder eine echte Disco – ohne Masken und Kontaktverbot.

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