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Kurze-Texte-Festival in BerlinEine Woche Beziehungstalk

Im Berliner Brecht-Haus stellten Au­to­r:in­nen neue kurze Texte vor. Neben Familie und Romantik ging es um verworrene Politik und Beziehungen in der Zukunft.

Eine Lesungswoche zum Thema „Beziehungen“, das ist, als würde man eine Stadt auf der Karte erkunden: Man sucht die wichtigsten Verbindungsstraßen, legt den Finger auf den zentralen Platz und behält im Blick, wo im Kreisverkehr gefahren wird. Der Stadtplan setzt sich in diesem Fall aus Nahaufnahmen zusammen, die zwanzig Autorinnen und Autoren vergangene Woche im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus vorstellten. Zum Kurze-Texte-Festival waren sie eingeladen, bislang unveröffentlichte Erzählungen zu lesen.

Dilek Güngör stellte eine Fortsetzung ihrer in der Berliner Zeitung erschienen Kolumnen über Ömer und Hatice vor. Unterhaltsam, ohne sich lustig zu machen, schreibt Güngör aus der Perspektive der älter werdenden Hatice, die sich über den Alltag in der Wohnung mit ihrem Ehemann Ömer beschwert: „Es dauert einen Moment, bis er reagiert. Bis sich die Worte durch sein Ohr geschlängelt haben und in seinem Gehirn angekommen sind. So lange steht er mit dem Korb da wie eine Statue. Man könnte es für Zögern halten oder meinen, er denke nach. Doch bei ihm ist es wie bei der Waschmaschine. Wenn sie anschaltet, dauert es einen Moment, bis das Wasser einläuft. Dazwischen: nichts.“

Es funktioniert gut, eine Beziehungsgeschichte auf kleinem Raum zu erzählen. So nutzt auch Wlada Kolosowa ein Zugabteil als Ankerpunkt ihrer atmosphärischen Erzählung von einer Journalistin und einer Fotografin, die kurz vor dem Ende der Sowjetunion von Sibirien nach Moskau reisen. Drei Monate lang sammelten sie Material für einen Reiseführer über sibirische Strände. Das beengte Zugabteil ist nicht nur der Ort, an dem sie sich näherkommen, sondern er strukturiert den Text auch literarisch: „Hinter uns der Tag, hinter uns die Nacht. Die Welt außerhalb unseres Abteils fühlt sich immer irrealer an. Die Stromkabel entlang der Bahngleise sind die einzige Nabelschnur zur Realität; die Einzigen, die bei uns bleiben, die uns verfolgen.“

Noch kleiner ist der Ausschnitt, den Luca Mael Milsch wählt: Aus einem Sarg heraus spricht ein verstorbenes Kind über die gewaltvolle Beziehung zu seinem Vater: „Vielleicht glaube ich ja, eine mir aufgetragene Aufgabe zu erledigen: den Zustand auszuhalten, Buße zu tun. Denn solange er zu meinem Grabstein kommt, mich besucht, schrubbt, steht und starrt, solange habe ich einen Zweck.“

Mitlesen war möglich

Neben Familien- und Liebesbeziehungen war auch von beruflichen oder nachbarschaftlichen Beziehungen zu hören. Ohne thematische Sortierung stellten pro Abend jeweils vier Au­to­r:in­nen ihre Texte vor. Wer wollte, konnte in einer gedruckten Kladde mitlesen.

Spannend wurde es dort, wo sich die Nahaufnahme für einen Moment mit dem Überblick des Stadtplans verband. Christine Koschmieder erzählte von der Stresa-Front von 1935, einem kurze Zeit anhaltenden Zusammenschluss Italiens, Frankreichs und Großbritanniens gegen das nationalsozialistische Deutschland. Nicht nur, weil Koschmieder in kräftiger Fernsehdokumentationsstimme las, folgte man ihr gerne hinein in das Beziehungsgeflecht aus Zylinderträgern wie dem Betreiber des Grand Hotels in Stresa, einem Backwarenproduzenten oder dem italienischen Diktator Mussolini. Sondern auch, weil ihre Geschichte etwas Ausuferndes und damit Schonungsloses hat. Politik hat dort unmittelbar mit wirtschaftlichem Profit zu tun und das wiederum mit dem Erinnern und einem Bild, das sich in der Kultur festigt – etwa im Heimatfilm, der das 20. Jahrhundert verklärt.

Koschmieders Text mahnt, nicht zu vergessen, wie verflochten alle möglichen Beziehungen im Faschismus sind. Wäre ihr Text weniger anklagend, könnte man ihn mit Blick auf das Lesungsthema heute fast als Schulterzucken begreifen: Beziehungen sind überall, es ist wie mit der Infrastruktur, man steht selbst im Stadtplan, den man betrachtet.

Etwas davon drückt sich auch in Leif Randts Erzählung aus, nicht zynisch, sondern in der Coolness eines Anfang-zwanzig-Jährigen im Jahr 2042. Randt fragt nach Beziehungen in der Zukunft. Er schreibt von Freundschaft, von nicht-biologischen Familien und von ganz normalen Leuten, die von überall auf der Welt in einem Magazin über ihren Alltag berichten. Es scheint treffend beschrieben, wie die jetzt geborenen Generationen die Millennial-Neurose, Beziehungen ständig neu zu definieren, überwinden wird. Vielleicht nicht so gedrängt von Identitätsmarkern, sondern aus Interesse und Fürsorge und nicht im immer noch fortwährenden Vergleich mit den USA, sondern in Maintal oder Darmstadt werden sie ihre Beziehungen führen, wobei die Stadt egal sein wird.

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