Autofiktionaler Roman und Alkoholsucht: Die Fassade runterreißen  

Die Autorin Christine Koschmieder hat ihre Erfahrungen mit Sucht öffentlich gemacht. Nun ist ihr autofiktionaler Roman „Dry“ erschienen. Ein Besuch.

Die Autorin an eine Wand gelehnt, die Händer hinter dem Rücken verschränkt, schaut in die Kamera

Christine Koschmieder: „Jetzt habe ich den absoluten Kontrollverlust gewagt.“ Foto: Susanne Schleyer/ullstein bild

Christine Koschmieder hat nach außen hin immer alles mit Bravour gemeistert. Die Krebserkrankung ihres Mannes und den Umgang mit seinem frühen Tod, Karriere im Kulturbetrieb und Kindererziehung. Ihr heimlicher „Helfer“: Alkohol. Erst mit Ende vierzig, als ihre Eltern gestorben und ihre drei Kinder beinahe erwachsen sind, merkt sie, dass sie nicht länger funktionieren kann.

In einer Suchtklinik sucht sie in ihren Erinnerungen, sowie in ihrer Familiengeschichte nach Antworten auf die Frage, was sie mit dem Trinken zu bewältigen versucht hat. Ob ihre Angst vor Kontrollverlust und ihre Schwierigkeiten, sich langfristig zu binden, auf dem Verlust ihrer großen Liebe beruhen, oder welche Rolle ihre Kindheit mit einem hochfunktionalen Alkoholiker als Vater sowie einer emotional unerreichbaren, nach der Scheidung auch physisch abwesenden Mutter spielt.

Das ist die Geschichte in Christine Koschmieders Roman „Dry“, der weniger von Alkoholismus als vielmehr von Verlust und Trauer handelt.

Christine Koschmieder: „Dry“. Kanon Verlag, Berlin 2022,

300 Seiten, 24 Euro

Es ist auch die Geschichte Koschmieders. Denn im Gegensatz zu anderen autofiktionalen Werken ist bei „Dry“ klar: Fiktional sind nur die Namen der Kinder. Es sind die Auslassungen und die Anordnung, die den Roman vom Memoir unterscheiden. Das steht im Vorwort. Aber auch auf Facebook hat die Autorin seit März 2021 radikal offen über ihr Leben geschrieben. Was hat sie dazu veranlasst, aus der Suchtklinik zu posten und knapp 800 Menschen von ihrem Trinken zu erzählen? Von ihren größten Ängsten und Unsicherheiten?

Raus aus der Tabu-Ecke

Sie habe, meint sie an einem Sonntagmittag bei einem Treffen in Dessau im Außenbereich des Bauhaus-Cafés, das Trinken aus der Tabu-Ecke holen und nicht länger Teil des Problems sein wollen: „Dass man hierzulande nicht über Trauer spricht“. Dass niemand öffentlich die Fassade runterreißen und seine Wunden zeigen wolle.

Sie nippt an ihrem Kaffee und erzählt, sie hätte auch erst ihre Angst überwinden müssen: „Ich wusste ja, das sehen Leute, mit denen ich arbeite, Verleger.“ Die Reaktio­nen bestärkten sie: „Durch meine Offenheit ist alles einfacher geworden.“ Sie habe Zuspruch bekommen: „Nicht mehr nur: ‚Siehst gut aus.‘, sondern echte Freundschaftsangebote.“

Und nicht nur das. Gleich mehrere Verlage bekundeten Interesse an einem Buch auf Basis des Geteilten. Wenige Tage nach diesem Treffen ist „Dry“ im Kanon Verlag erschienen. Der Roman regt zum Nachdenken an.

Denn so außergewöhnlich die fragmentarisch erzählte Lebensgeschichte, so eigen die Ich-Erzählerin auch ist: Die Überforderung der alleinerziehenden Mutter, die zu kämpfen hat, Beruf und Kinder unter einen Hut zu bringen, und das im Roman geschilderte Trinkverhalten sind es nicht. Koschmieder ist keine Alkoholikerin, wie man sie sich vorstellt: Ihre Sucht ist für andere nicht sichtbar. Sie trinkt nicht mehr als in ihrem Arbeitsumfeld, dem Kulturbetrieb, üblich.

Alkohol ist nur die Waffe

Und doch ist sie Alkoholikerin: „Weil Abhängigkeit“, wie sie in „Dry“ schreibt, „sich nicht an Menge, Häufigkeit oder Regelmäßigkeit des Alkoholkonsums festmachen lässt. Und schon gar nicht an seiner Auffälligkeit. Weil er viel hinterlistigere Schäden anrichtet, Schäden, die sich oft erst Jahre später zeigen, die viel mit Ehrlichkeit und Beziehungsgestaltung und Vertrauen und Verlässlichkeit und Bindungsfähigkeit zu tun haben.“

„Alkohol“, so heißt es im Roman an einer weiteren von nur 13 Stellen, an der das Wort auftaucht, „ist nie das Thema. Alkohol ist die Waffe der Wahl, unser jeweiliges Thema niederzuringen.“ Aus dem Grund wollte sie auch keine Quit-Lit schreiben, also Literatur über das Trinken: „Mir ging es darum, Zeugnis abzulegen. Meine Wunden anzusehen und die Scham zu überwinden, von ihnen zu erzählen.“

Nun, da der Roman fertig ist, muss sie entscheiden, wo die Grenze zwischen Sharing und Oversharing liegt. Was sie preisgeben soll. Schließlich geht es in „Dry“ nicht nur um ihr Leben, sondern auch um das ihr Nahestehender, nicht zuletzt das ihrer drei Kinder.

Wenn sie im Buch schonungslos von sich als Mutter erzählt, schreibt sie auch über sie: „Wie diese andere Mama von der eigentlichen Besitz ergreift, mit ihrer Stimme furchtbare Dinge sagt, mit ihren Händen zu fest zupackt, aus ­ihren Augen Hass und Wut schleudert. Und dann stehst du da und hast keinen Zauberspruch, kein richtiges Wort, um die richtige Mama aus der ­falschen zu befreien.“

Wo die Grenzen liegen

Gleich zu Beginn des Gesprächs klärt sie, wo ihre Grenze liegt: „Meine Kinder sind tabu.“ Sie wolle weder darüber reden, wie ihre Kinder auf das Buch reagiert hätten, noch, wie es ihnen jetzt gehe. Sie habe lange überlegt, ob die zitierte Stelle ins Buch müsse: „Aber man kann nicht über Überforderung schrei­ben, ohne die realen Auswirkungen zu zeigen.“ Der Kaffee ist ausgetrunken, die Autorin drängt zum Aufbruch. Sie will noch etwas von Aken zeigen, der Kleinstadt vor Dessau, in der sie vor zwei Jahren ein unsaniertes Fischerhaus gekauft hat.

Im Auto schwärmt die Wahlleipzigerin von ihrem Zweitwohnsitz. „Über die auf dem Land wird immer nur gemutmaßt.“ Es gebe zig Vorurteile: „Sie seien unreflektiert, rechts“. Bei der Fahrt auf der Landstraße, vorbei an Feldern, erzählt sie, dass es die AfD in Aken nicht ins Parlament geschafft habe und der örtliche Fußballverein von einem Dönerbuden-Besitzer gesponsert werde.

Und von ihrem neuesten Projekt: Sie möchte sich in das kulturelle Leben der Kleinstadt einbringen und mithilfe von Demokratie- und Kulturfördertöpfen in der alten Werft einen nachhaltigen Ort der Begegnung und des Austausches schaffen, ohne dafür „nur Kultur aus der Stadt anzukarren“. Bislang sei es erst eine Idee, sie suche noch Mitwirkende: „Ich sehe mir erst einmal an: Wie wird hier gelebt? Wer lebt hier? Wo fehlt vielleicht was? Wo gibt es Anknüpfungspunkte?“

Bei einem Zwischenstopp auf dem Flohmarkt auf der alten Landebahn hinter Dessau sucht Koschmieder nach einem Espressokocher: „Meiner hat einen kaputten Deckel.“ Als sie an einem Stand näher rangeht, um die Aufschrift einer Tafel neben einem Honecker-Bild zu entziffern, meint der Verkäufer: „Der grinst einen so nett an, oder?“ Koschmieder entgegnet ironisch: „War ja auch so ein netter Mensch.“

Die einstige Theatermacherin dreht sich um und lacht ein trockenes Lachen: „Das ist alles inszeniert. Ich war vorab hier und habe mit ihnen ausgemacht, wo sie das Bild hinstellen und was sie sagen sollen.“

Die Kontrolle behalten

In Aken angekommen führt die Autorin durch ihr Schifferhäuschen, das sie liebevoll ihre Baustelle nennt, obgleich von einer Baustelle keine Rede mehr sein kann. Sie lächelt: „Ich würde nie auf eine echte Baustelle einladen. Es muss schon eine schöne Baustelle sein.“ Und fügt nach einer Pause hinzu: „Ich habe immer offen getrauert. Aber ich wollte eine schöne Trauernde sein.“

Sie habe stets die Kontrolle behalten wollen, was andere von ihr zu sehen bekommen. Bei gleichzeitigem Bedürfnis nach Nähe und ­Gesehenwerden immer Angst vor Kontrollverlust gehabt: „Jetzt habe ich den absoluten Kontrollverlust gewagt.“

Es riecht nach dem Holzöl, mit dem Christine Koschmieder die gerade schwarz gestrichenen Treppenstufen gebohnert hat. Auf dem oberen Treppenabsatz steht ein Abzug des Schwarz-Weiß-Bildes ihres verstorbenen Mannes und ihres ältesten Sohnes im ersten gemeinsamen Urlaub.

In ihrer Küche überlegt die Autorin bei der Antwort auf die Frage, warum die Passagen über ihren Mann in der Du-Form geschrieben sind, eine Weile: „Es war die einzig mögliche Form. Ich rede noch oft mit ihm.“ Sie schluckt. Dann steht sie auf, setzt auf dem Espressokocher mit dem defekten Deckel Espresso auf und erzählt, wie sie beim Sanieren des Hauses Schicht um Schicht abgetragen hat.

Jederzeit die Flucht antreten

Jetzt sei es fast fertig: „Ich habe den Rausch immer dazu genutzt, die Übermacht in meinem Kopf zu stoppen. Die geht durch die Nüchternheit leider nicht weg. Im Gegenteil.“ Das Werkeln an dem Haus sei ein Ersatz: „Irgendetwas gibt es immer zu tun.“ Und dann ist da ja auch noch ihr Roman.

Vom NDR wurde sie aufs rote Sofa eingeladen. Auf dem Flohmarkt hat sie für den Auftritt eine rote ­Tasche gesucht, passend zu den roten Schuhen, die sie dafür auch noch finden wolle. Eine Tasche fürs Fernsehen? Sie lacht: „Ich habe immer eine Tasche dabei, in der sich alles Wichtige befindet, damit ich jederzeit die Flucht ergreifen kann.“

Eine Flucht aus dem Fernsehstudio ist Tage später nicht nötig: Die Autorin überwindet schnell ihre Kamerascheu und zeigt sich im Scheinwerferlicht genau wie in „Dry“ als souveräne und eloquente Erzählerin.

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