Kunstwoche der Kommunalen Galerien: Wo Erinnerung Form annimmt
Keramiken von Krankenschwestern und andere Migrationsgeschichten: Berlins Kommunale Galerien bringen Geschichten ans Licht, die leicht übersehen werden.
Foto: Wataru Murakami
Auf einem Sockel in der Galerie Wedding steht ein großes braunes Onggi, ein traditionelles koreanisches Vorrats- und Fermentationsgefäß, das dem deutschen Sauerkrauttopf ähnelt. Daneben liegen Bücher aus Keramik und eine koreanische Trommel, eine Buk: glasiert, farbig, nicht ganz regelmäßig, sichtbar mit Händen gemacht.
Frank Jimin Hopp hat diese Keramiken für seine Ausstellung „Mae Nan Guk Juk 매난국죽: Diasporic Memories Formed in Clay“ in der Galerie Wedding am Leopoldplatz gemeinsam mit ehemaligen Krankenschwestern und einem Bergarbeiter aus Südkorea hergestellt, die in den 1960er und 1970er Jahren nach Westdeutschland kamen – sie sind Teil einer Migrationsgeschichte, die in Deutschland wenig präsent ist.
Ausgangspunkt war seine Mutter Misook Hopp-Kim, erzählt der deutsch-koreanische Künstler bei einer Führung durch die Galerie. Hopp kannte die Eckdaten ihres Wegs, stellte aber irgendwann fest, dass er ihn trotzdem nicht richtig begriffen hatte. Als er selbst mit einem Stipendium zum Kunststudium nach Korea flog, wurde ihm die Verkehrung deutlich: Er durfte dort studieren, konnte Koreanisch, Freunde und Familie in Deutschland blieben stets erreichbar. Seine Mutter hingegen war mit 21 in die andere Richtung geflogen, konnte kein Deutsch und musste am Tag nach ihrer Ankunft in einem deutschen Krankenhaus arbeiten. „Ich muss noch mal richtig nachfragen“, habe er damals gedacht.
Keramik wurde dafür zu einer Methode des Zuhörens. Ton mag keine Hektik. Man knetet, rollt, drückt und glättet das Material wie die Gedanken, die dabei kommen, dann muss der Ton ruhen, trocknen, gebrannt und glasiert werden. Dazwischen sitzt man zusammen, schaut Fotos an und redet. „Keramik ist ganz gut, sie braucht viel Zeit und Geduld“, sagt Hopp. Manche Begegnungen zogen sich über Wochen; an einigen Tagen wurde nur gekocht und altes Bildmaterial angesehen.
Das Interessante ist auch die Geografie
Genau deshalb ist die Ausstellung ein empfehlenswerter Auftakt für die Kunstwoche der Kommunalen Galerien Berlin. Vom 2. bis 11. Oktober zeigen die insgesamt 36 Galerien in Berlin 44 Ausstellungen mit rund 150 Künstler*innen. Dazu kommen kostenlose Workshops für Kinder und Jugendliche, Führungen und Touren durch die Bezirke sowie eine Opening Party.
Die Kunstwoche der Kommunalen Galerien Berlin geht vom 2. bis 11. Oktober 2026 und zeigt 44 Ausstellungen mit Beteiligung von über 150 Künstler:innen in 36 Galerien in ganz Berlin. Programm unter https://kgberlin.net
Die Opening Party mit Performance, Konzert und DJ-Sets steigt am 2. Oktober 2026, Einlass ab 17 Uhr im ACUD, Veteranenstraße 21, 10119 Berlin
Ausstellungseröffnungen gibt es auch zu feiern, zum Beispiel am 8.10., 18–21 Uhr, die Ausstellung Future Archives / Archive Futures im Kunstverein Tiergarten zu Gast in der rk – Galerie für zeitgenössische Kunst und am 11.10. um 18 Uhr in der Kommunalen Galerie Schloss Biesendorf die Ausstellung „On behalf of things, species, voices that disappear. Mexiko-Stadt und Berlin in Resonanzschulgruppen und Schulklassen
Zwei Bustouren, eine U-Bahntour, eine Tramtour und ein Spaziergang zu jeweils vier bis fünf Galerien gibt es am 11. Oktober um 14 Uhr, vor Ort sind die Galerieleiter:innen, Kurator:innen und/oder Künstler:innen, präsentieren die laufenden Ausstellungen und stellen Programmschwerpunkte der Galerien vor.
Die Ausstellung Mae Nan Guk Juk 매난국죽: Diasporic Memories Formed in Clay von Frank Jimin Hopp ist in der Galerie Wedding zu sehen, Müllerstraße 146/147, täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Künstler wird dort außerdem am 9. Oktober von 17 bis 20 Uhr einen Artist-Talk mit einem parallel stattfindenden Keramikworkshop ausrichten. (taz)
Das Spannende daran ist über die Zahl und die Vielfalt der Ausstellungen hinaus ihre Geografie: Kommunale Galerien liegen nicht gesammelt in einem repräsentativen Kulturquartier, sondern in Wedding, Reinickendorf, Lichtenberg, Marzahn. Anwohner*innen kommen an ihnen auf dem Weg zur Bibliothek, zum Amt, zur Schule oder zum Einkaufen vorbei. Und der Eintritt kostet meist nichts.
Eylem Sengezer, Leiterin der kommunalen Galerien Mitte, die ebenfalls zur Führung durch die Ausstellung gekommen ist, nennt die kommunalen Galerien deshalb eine Art „dezentrale Kunsthalle“. Ihr Auftrag bestehe nicht darin, die Kunst selbst niedrigschwellig zu machen, sondern den Zugang zu ihr. Die Häuser sind Teil der städtischen Infrastruktur, ähnlich wie Bibliotheken oder Volkshochschulen, sollen sich mit ihrer unmittelbaren Nachbarschaft vernetzen und zugleich professionell arbeitenden Künstler*innen Räume bieten. Für manche wie Frank Jimin Hopp sind sie der Ort der ersten großen Einzelausstellung, bevor ihre Arbeiten später in den „großen Tankern“ der Berliner Kunstlandschaft auftauchen.
Die Schwellen sind nicht hoch
Das ist ein großartiges Modell in einer Stadt, in der Kunst sonst schnell zur Frage von Eintrittspreisen, Vorwissen und Milieuzugehörigkeit wird. Ein Museumsbesuch für 14 oder 24 Euro ist für die meisten in dieser Stadt keine kleine Ausgabe. Eine kommerzielle Galerie kostet zwar keinen Eintritt, kann aber mit ihren Vernissagencodes und ihrem kaufkräftigen Publikum eine andere Art von Schwelle aufbauen. Die kommunale Galerie, die zum jeweiligen Bezirksamt gehört, hat dagegen einen öffentlichen Auftrag.
Diese Durchlässigkeit ist natürlich nicht kostenlos zu haben. Vor rund zehn Jahren erstritten die kommunalen Galerien gemeinsam mit dem Berufsverband Bildender Künstler*innen Ausstellungshonorare vom Senat. Dahinter steht ein einfacher Gedanke: Wenn Räume, Personal und Technik öffentlich finanziert werden, sollten nicht ausgerechnet die Künstler*innen gratis arbeiten.
Karin Scheel, Leiterin der Kommunalen Galerie Schloss Biesdorf und Sprecherin des Arbeitskreises Kommunale Galerien, beschreibt die Schieflage drastisch: Man könne nicht „alles vom Staat“ finanzieren, „außer die, um die es geht“. Wenn die Senatsmittel nicht reichen, müssen die ohnehin knappen Bezirke einspringen oder Ausstellungen reduzieren. 2025 wurden die Mittel eingefroren, 2026 kehrten sie gekürzt zurück.
Das macht die Struktur zugleich wertvoll und fragil. Scheel beschreibt die kommunalen Galerien als ein über Berlin gespanntes Netz. Wenn es an einer Stelle „bröckelt oder reißt“, könne das Kettenreaktionen auslösen – auch bei der kostenlosen Kunstvermittlung für Schulklassen, Kinder und Familien. Gerade solche Angebote funktionieren oft nur, wenn sie in erreichbarer Nähe stattfinden.
Unabhängig bleiben
Hinzu kommt eine zweite Frage: Wie unabhängig bleiben öffentlich finanzierte Kulturorte, wenn sich politische Mehrheiten verschieben? Gerade in Ostberliner Randbezirken ist die AfD stark geworden. Noch ist offen, ob sie und wenn ja welche Ämter sie bekommen wird. Wie diese Partei mit pluralistischen Programmen zu Migration, Kolonialismus oder Erinnerungspolitik umginge, sobald sie selbst Verantwortung in einem Bezirksamt trägt, ist trotzdem keine ganz theoretische Frage mehr. Die Debatten in Sachsen-Anhalt geben davon einen Vorgeschmack.
Besonders heikel wäre das in einer Stadt wie Berlin ausgerechnet beim Thema Migration. Sie ist hier kein Spezialthema, das sich nur manchmal in eine Ausstellung verirrt, sondern ein entscheidender Teil der Stadt. Entsprechend selbstverständlich taucht sie auch in den kommunalen Galerien auf: Im Kunst Raum Mitte ist während der Woche der Kommunalen Galerien zu besichtigen, wie Mooni Perrys in „DISSOLUTIONS“ Verdrängung und Zukunftsversprechen im Kontext der japanischen Kolonialherrschaft in Korea und Mandschukuo untersucht. In Adlershof richtet „Die Kids sind nicht alright! 2“ den Blick auf migrantische Biografien nach dem Mauerfall.
Und im Schloss Biesdorf bringt „Overwrite! – On behalf of things, species and voices that disappear“ Künstler*innen aus Mexiko-Stadt und Berlin zusammen. Das „Überschreiben“ wird dort bewusst doppeldeutig verstanden: als Löschen und Aufzwingen, aber auch als Öffnen, Zuhören und Umschreiben von Vergangenheit. Die Ausstellung fragt also auch danach, wer Geschichte schreiben darf, was dabei verloren geht und ob eine bestehende Erzählung noch einmal anders lesbar werden kann.
Damit führt der Weg wieder zurück nach Wedding. Denn das heimliche Kraftzentrum von Hopps Ausstellung ist dieselbe Frage: Welche Geschichten bleiben privat, und welche gelangen in Archive, Museen, Straßennamen und das öffentliche Gedächtnis – und wer bestimmt eigentlich darüber?
Angst, die Sprache zu verlieren
Die Keramiken geben darauf keine einheitliche Antwort. Da ist das Vorratsgefäß Onggi, das bei Hopp auch zum Behälter für Erinnerung wird. Da sind keramische Lieblingsbücher einer Gesprächspartnerin, darunter ein Wörterbuch und ein Gedichtband von Rilke. Sprache spielt auch in Hopps Interviews eine große Rolle: die Mühe, sich als junge Krankenschwester Deutsch anzueignen, und später die Angst, diese Sprache im Alter durch Demenz wieder zu verlieren. „Wo möchte ich sterben?“, lautet irgendwann die Frage.
Dass solche Erfahrungen im deutschen öffentlichen Gedächtnis so wenig vorkommen, ist umso erstaunlicher, da die rund 8.000 südkoreanische Bergarbeiter und etwa 11.000 Krankenschwestern inzwischen seit rund sechs Jahrzehnten Teil dieser Gesellschaft sind. Viele kamen aus Armut und Nachkriegselend, schickten Geld an ihre Familien und leisteten Arbeit, auf die die Bundesrepublik angewiesen war. Bei den Bergarbeitern wird die Unsichtbarkeit fast wörtlich: Sie blieben unter der Erde. Hopp hat mit einem seiner Gesprächspartner einen Stolleneingang aus Keramik gebaut; Kohlezeichnungen an den Wänden der Galerie nehmen dies ebenfalls auf.
Doch die Ausstellung erzählt ebenfalls davon, dass die koreanischen Frauen dieser Unsichtbarkeit längst etwas entgegengesetzt haben. Sie mussten nicht erst von der jüngeren Generation mit einer politischen Stimme versehen werden, reflektiert Frank Jimin Hopp. Sie waren selbst laut. Eine der Protagonistinnen ist Choungnoh Shin-Hermeneit, ehemalige Krankenschwester und seit Jahrzehnten politisch engagiert. Hopp berichtet von einer rassistischen Erfahrung, gegen die sie sich zur Wehr setzte, und von ihrem späteren Engagement bei Tagungen und Demonstrationen. Bei Protesten spielte sie auf einer koreanischen Trommel. Daher die Buk aus Keramik, die Hopp mit ihr nachbaute: als Symbol dafür, „laut zu sein und mitzugestalten“.
Dazu passen die keramischen Straßenschilder an der Wand der Galerie. Die Frauen wünschen sich eine Straße, die an ihre Arbeit und ihre Geschichte erinnert. Weil ein wirklicher Straßenname ein langer politischer Prozess ist, haben sie diesen Wunsch zunächst selbst in Ton umgesetzt. Auch das ist ein Weg, private Erinnerung zum Anspruch auf Öffentlichkeit zu transformieren.
Menschen, die hier jahrzehntelang andere gepflegt, Kohle gefördert, demonstriert und Vereine aufgebaut haben, wollen nicht darauf warten, dass sich die Stadt an sie erinnert. Sie geben ihrer Geschichte selbst Klang, Form und Namen.
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