Kunst in der Coronakrise: Nazipelz und ein Kilo Kokain

Käthe Kruses Wortschau „Ich sehe“ ist zwar geschlossen. Durch die Schaufenster der Galerie lässt sie sich aber von außen betrachten.

Abn der Wand ein Bilderfries im Raum ein Sessel mit Tuch und ein Plattenspieler

Installationsansicht Käthe Kruse „Iche sehe“ in der Berliner Galerie Nord Foto: Christine Fenzl/Galerie Nord

Die Alternative zu geschlossenen Ausstellungen ist keineswegs, wie man meinen möchte, der virtuelle Rundgang im Computer. Im Fall von Käthe Kruses Ausstellung „Ich sehe“ in der Galerie Nord in der Berliner Turmstraße lohnt es sich durchaus, hinzufahren und sie sich durch die Schaufensterfront, die sich über die ganze Länge der Galerie hinzieht, anzuschauen. Die schwarz auf weiß gemalten Textbilder an den Wänden sind gut sicht- und lesbar.

„Quadrat Querelen Quarantäne …“ Mit diesen Begriffen beginnt die Auflistung, die überaus sorgfältig mit der Hand auf eine der achtzig Leinwände gemalt ist. Man kann es von draußen lesen, und plötzlich wird man der delikaten Doppelbödigkeit gewahr: Die Kunst, die man wie im Aquarium bestaunt, weil auch die Galerie Nord wegen Corona geschlossen ist, sie ist in Quarantäne, sie ist das Bild der Quarantäne.

Das ist nicht nur ein Zufall. Fünf Jahre lang hat Käthe Kruse an ihrer Ausstellung gearbeitet und dieses radikale Engagement, diese Arbeitsleistung kommt in der Ausstellung zum Tragen. Die Installation strahlt eine enorme Energie auf die Betrachter:innen aus. Zwei Jahre lang sammelte die Künstlerin täglich 25 Überschriften aus jeweils einer deutschsprachigen Tageszeitung. Gleichgültig ob in der taz, in der SZ oder dem Tagesspiegel durchforstete sie alle Bereiche, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur oder Sport.

Diese Überschriften, die sie ganz nach ihrem Empfinden aussuchte, führten zu einem Konvolut von Sätzen, einem subjektiven Archiv der aktuellen Zeitgeschichte in Schlagzeilen. Diese übertrug sie auf einzelne DIN-A4-Fototafeln und ordnete sie in streng kalendarischer Abfolge. Ihr konzeptionelles Vorgehen könnte man mit dem Goldwaschen vergleichen, beim ersten Waschgang bleiben die groben Gesteinsbrocken, also die Überschriften, im Sieb hängen, im zweiten dann die kleinen, die Worte. Und das Gold blitzt dann auch zwischen ihnen auf, wenn wir nur genau schauen.

Beide Ausstellungen können nach Verabredung zu den üblichen Öffnungszeiten von Einzelpersonen besucht werden. Der Mitschnitt einer Videofahrt durch die Ausstellung in der Galerie Nord ist auf deren Facebook-Seite zu sehen sowie auf YouTube und Vimeo.

80 Textbilder mit 3927 Begriffen

Derart extrahierte Käthe Kruse in den folgenden drei Jahren alle Substantive aus den Überschriften, ordnete sie Wort für Wort alphabetisch und malte sie in Druckschrift und mit dünnem Pinsel auf weiß grundierte, quadratische Leinwände. Am Ende hatte sie 80 Textbilder gemalt, mit 3.927 Nomina. Darunter eben die „Quarantäne“ der der Begriff „Quittung“ folgt. Die man erhält, in Form von Quarantäne, wenn man dem jetzt erforderlichen Social Distancing nicht nachkommt: So ergänzen sich Ende März 2020 die beiden Begriff zu einem neuen Satz.

Im willkürlichen Nebeneinandersetzen der Worte – sie sind auf der einzelnen Tafel in sich selbst nicht wieder alphabetisch geordnet – wird deutlich, welcher Nachdruck in einzelnen Worten liegen kann. Bei „Kaffee“ zum Beispiel erinnert man den Duft von Kaffeebohnen, wobei der Duft dann ins Kaffeehaus führt, dem Entstehungsort der bürgerlichen Öffentlichkeit, und zu den Zeitungen, die seit jeher zum Kaffeehaus gehören.

Auf sie stützt sich Käthe Kruses Konzeptkunst noch immer, obwohl ihre Rolle als Instrument kommunikativer Vernunft und des Diskurses heute gerne verneint wird, man denke nur an Friedrich Merz, wie er frohlockte, als er bekannt gab, sie für seine Geschäfte und seine Politik nicht mehr zu brauchen.

Schön sind auch die assoziativen Gedankenspiele, zu denen die Worte reizen, oder die Rätsel, die sie einem aufgeben. Was stelle ich mir unter einem „Nichtwählersofa“ oder einem „Nazipelz“ vor? Manchmal meint man, dass die Künstlerin die Worte schon nebenstehend vorfand: „Kilo“, „Kokain“.

Der surrealistische Moment der Wörterreihung

Gerade weil der Wörterreihung ein überraschendes surrealistisches Moment eigen ist, das politisch höchst brisant werden kann, ist es keine gute Idee, das Wort „Xenophobie“ ganz allein, wie ein Mahnmal, auf der weißen Leinwand stehen zu lassen. Dieses Pathos passt nicht in die Collage dieser ebenso anregenden wie subtilen und coolen Wortarbeit über unsere politische und kulturelle Alltagssprache.

Natürlich ist es bitter, dass Käthe Kruse nach Jahren der Arbeit die Eröffnung ihrer Einzelausstellung nicht gebührend mit einer großen Vernissage feiern konnte und es jetzt auch am 27. März nicht kann, wo in der Zwinger Galerie ihre Ausstellung 366 Tage eröffnet, mit den Fotodrucken der Zeitungsschlagzeilen. Auch hier lässt sich manches durch die großen Fenster sehen. Der klare identische Aufbau, mit der weißen Wand, darauf der schwarze Fries, auf dem die Tafeln hängen.

Und hier wie in der Galerie Nord sollten Performances zur Ausstellung gehören. Schließlich arbeitet Käthe Kruse, die Teil der legendären Künstler:innengruppe Die tödliche Doris war, seit jeher multimedial. Auf einer eigens produzierten Doppel-LP spricht sie sämtliche Begriffe, begleitet von Myriam El Haik am Piano und Edda Kruse Rosset am Schlagzeug.

Als Künstlerin, die schon immer mit Textilien gearbeitet hat, produzierte Käthe Kruse jetzt einen Shawl zur Ausstellung, bedruckt mit allen 3927 Begriffen, Auflage 366 Stück. Tuch und LP sind im Katalog enthalten, der im Distanz Verlag erscheint. Hier finden sich 80 Bildtafeln, eine Zeitung mit sämtlichen Überschriften sowie ein Begleitheft mit Installationsansichten der Ausstellungen.

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