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Kunst feiert QualzuchtAuf den Hund gekommen

Dem Dackel hat die Bremer Kunsthalle eine Ausstellung gewidmet. Fragen nach Rassewahn und Abrichtungs-Zynismus übergeht sie mit einem Augenzwinkern.

Nichts gegen Hunde. Die mögen wir schließlich alle. Und auch ein Dackel ist kein Problem. Ihm eine ganze Ausstellung zu widmen, wie es die Kunsthalle Bremen nun tut, wirft allerdings schon die Frage auf, warum das sinnvoll sein könnte und wohin man damit will. Das scheint Kuratorin Annett Reckert auch irgendwann bei der Vorbereitung von „Der Dackel – eine Ikone geht Gassi“ aufgegangen zu sein.

Allerdings offenkundig zu spät, um mit den angehäuften Exponaten auf die Fährte einer Antwort zu stoßen: Die Ausstellung verliert sich in der Fülle der ikonografisch mehr oder minder ähnlichen Hundedarstellungen seit dem frühen 17. Jahrhundert (in dem es Dackel im engeren Sinne noch nicht gab). Weder chronologisch noch thematisch bekommt sie das Sujet in den Griff. Wo Diskurs und Nachdenken nötig wäre, häuft Reckert großzügig unterstellte Wirkungen auf Assoziationen auf raunende Nichtantworten.

„Warum verstört der präparierte Lumpi zutiefst?“, fragt sie also rhetorisch-suggestiv im Katalogtext und nennt es „eine Einsicht, dass der Dackel – per se und besonders im Museum – ebenso unergründlich ist wie viele Werke der Kunst“. Genauer betrachtet handelt es sich aber um eine Plattitüde, keine Einsicht. Und völlig unklar bleibt, wen der ausgestopfte Rauhaardackel aus der Kika-Sendung „Wissen macht Ah!“, um den es hier geht, jemals verstört haben soll.

Die Ausstellung

Der Dackel – eine Ikone geht Gassi. Kunsthalle Bremen, ab 31.10 bis 28. 3. Hunde bis maximal 30 Zentimeter Schulterhöhe dürfen die Ausstellung in Begleitung und mit online im Vorverkauf gebuchten Tickets besuchen

Leider beschränkt sich die gedankliche Unschärfe nicht auf den Katalogtext. Ebenso impressionistisch sind auch die sieben Räume der Schau zusammengestellt. So teilen sich Pablo Picassos spontaner Ein-Linien-Dackel (1957) und das von Otl Aicher und Elena Schwaiger kühl-kalkulierend entworfene Olympia-Maskottchen Waldi (1972) einen Raum, weil … – na ja, warum denn nicht?

Bloß keine bösen Bilder

Wer gerne Dackelbilder anschaut, wird hier mit qualitätsvollen Exemplaren bedient, die aus unterschiedlichen Epochen stammen und auch sonst wenig miteinander gemeinsam haben: Andy Warhol, Friedrich von Kaulbach, die unglaubliche, 1941 vor der Vernichtung in die USA geflüchtetete ungarische Tierfotografin Ylla.

Im monothematischen Setting, also ohne Vergleichs- oder Gegen-Bilder, verhindert diese dackelige Beliebigkeit aber jede vertiefte Auseinandersetzung mit den Künst­le­r*in­nen und vermeidet fast schon ängstlich alles Fragen, kulturhistorisch, kunstsoziologisch, das der Schau Relevanz verleihen könnte.

Selbst da, wo ein böser Blick auf den Dackel aufblitzt, wird dieser schnell in nichtssagende Niedlichkeit aufgelöst: Zwar hängt Otto Dix' kriegsversehrter, blinder Streichholzhändler von 1920 in der Schau, dem des abgedankten Kaisers Lieblingshund an den Beinstumpf pisst.

Aber offenbar um da etwas die Härte rauszubekommen, hat man sich von der Berliner Kommunikationsdesignerin Gabriela Jolwicz noch einen harmlosen Gegenholzschnitt mit dem Titel „Dackel auf der Müllerstraße“ anfertigen lassen. Auf dem scheint ein Dachshund mit flatternden Ohren zu fliegen. Süß! Und auf dem Boden, sein Schattenriss, sieht er aus wie ein Engel. Ist das nicht niedlich!

Die Ideologisierung des Körpers wird von der Ausstellung ausgeblendet – und gerade deshalb in nichtssagender Niedlichkeit fortgeschrieben

Nicht so viel Deutungsspielraum lässt Robert Doisneaus 1977 in kühlem Schwarzweiß fotografierter „Chien à Roulettes“; also einem Hund irgendwo in Paris, der sich nur dank mit dem Hinterkörper verbundenen Rädern fortbewegen kann. Offensichtlich ein Fall von Dackellähme, also ein unheilbarer Bandscheibenvorfall. So etwas tut nach veterinärmedizinischer Lehrmeinung weh.

Aber das Tier schaue ja so selbstbewusst, beeilt sich Reckert beim Presserundgang zu sagen, „und eine Behinderung heißt ja nicht, dass man darunter auch leidet.“ Das ist blanker Zynismus angesichts dessen, dass diese Schädigung nicht nur schmerzhaft, sondern eben Folge der per Qualzucht gestalteten Dackel-Körperform ist.

Denn selbstverständlich ist der Dackel kein Naturprodukt. Er ist eine kunstvoll gezielt für die Dachs- und Fuchsjagd entwickelte Waffe. Ihre Herstellung und das trainierende Abrichten übernehmen im 19. Jahrhundert Tierzuchtvereine: Seit den 1990ern hat die kritische Geschichtswissenschaft weltweit herausgearbeitet, dass sie der Ort sind, an dem die bis dahin akademische Rassendoktrin verhängnisvoll popularisiert, zum falschen Bewusstsein verallgemeinert wird.

Die Bremer Ausstellung verfolgt – darin gar nicht ungeschickt – das rein kulinarische Ziel seichter Unterhaltsamkeit. Sie will nur spielen. Die Ideologisierung des Tierkörpers aber blendet sie dafür aus. Deshalb kann sie gar nicht anders, als sie fortzuschreiben, als selbstverständliches, als nicht weiter zu hinterfragendes hunderassistisches Allgemeinwissen. Oder, um es mit Reckert zu sagen: „Wir kennen ja alle den Dackel-Charakter.“

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