Kulturschaffende im Nationalsozialismus: „Gräueltaten wurden durch regionale Unterstützer möglich“
Eine Ausstellung im Freilichtmuseum Kiekeberg beschäftigt sich mit dem Einfluss lokaler NS-Funktionäre. Das stört das gängige Geschichtsbild.
Foto: Markus Tischler/Imago
taz: Herr Stölting, was ist das Trügerische an der Heimat?
Chris Stölting: Das Trügerische an der Heimat ist das Konstruierte. Wir haben es bei unserer Ausstellung im Freilichtmuseum Kiekeberg mit einem Heimatforscher und einem Künstler zu tun, die beide einen eigenen Blick auf Heimat haben. Der eine in seiner Kunst, der andere in seiner Schrift, die stark von völkischen Idealen und Gedankengut geprägt ist und die Realität verklärt darstellt. Wir haben es mit idealisierten Landschaftsbildern zu tun, die sich auf ein vermeintlich einheitliches germanisches Erbe besinnen, das es so nie gegeben hat.
taz: Wie haben sie das lokale Heimatbild geprägt?
Stölting: Beide hatten auf ihre Art eine große Reichweite und reproduzieren eine Ablehnung moderner Bauten, moderner Infrastruktur und eine Idealisierung einer blühenden Heidelandschaft mit Fachwerkbauten und Sandwegen. Dieses Urtümliche ist ein Idealbild, das die touristischen, aber auch die ideellen Vorstellungen von dieser Region bis heute mitprägt.
taz: Wer sind die beiden Kulturschaffenden, um die es in der Ausstellung geht?
Stölting: Der eine ist Heinrich Ludwig Mayer, ein Maler und Zeichenlehrer aus Hamburg-Neugraben, der lange Zeit an der Kunstgewerbeschule in Hamburg tätig war. Nach dem Ende der NS-Zeit bekam er zunächst ein Berufsverbot und hat privat weiterhin viele Gemälde und Zeichnungen zur Architektur und Landschaft der Region angefertigt und ausgestellt – etwa im Alten Land, wo er kulturell aktiv war.
taz: Und der andere?
Stölting: Der andere, Wilhelm Marquardt, war vor allem als Lehrer tätig. Im Zweiten Weltkrieg war er eine der herausgehobenen Personen in der regionalen NS-Kulturarbeit. Hier im Landkreis wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer Haftstrafe und einem Berufsverbot belegt, jedoch schnell als unbelastet eingestuft und war danach wieder als Lehrer tätig. Er war in der Kommunalpolitik und in der Heimatforschung aktiv und bekam für seine Arbeit 1981 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.
„Trugbild Heimat? NS-Kulturschaffende nach 1945“, Freilichtmuseum am Kiekeberg, 22.8. bis 22.11., Eintritt 12 Euro, alle unter 18 Jahren und für Fördervereinsmitglieder zahlen nichts
taz: Wie kamen die beiden zum Nationalsozialismus? Konnte man sich schon in der Zwischenkriegszeit mit diesem Gedankengut profilieren?
Stölting: Völkisches Gedankengut war in den 20er-Jahren weitgehend normalisiert. Wäre dieses Gedankengut nicht schon etabliert gewesen, wäre der massive Aufstieg der NSDAP – vor allem hier im Landkreis, wo sie gute Wahlergebnisse erzielen konnte – nicht zu erklären. Man kann davon ausgehen, dass dieses Gedankengut vor allem im regionalen Kontext zur Profilierung beitragen konnte.
taz: Was ist das Besondere daran, regionale NS-Geschichte aufzuarbeiten?
Stölting: Das Besondere sind die lokalen Widerstände. Oft gibt es kein Verständnis dafür, dass die Gräueltaten des Nationalsozialismus erst dadurch möglich wurden, dass sich auf regionaler Ebene viele Unterstützer fanden, die dieses völkische Gedankengut bewusst verbreitet und den Nationalsozialismus vorangetrieben haben. Bei der Aufarbeitung blickt man auf diese Einzelbiografien und wie die Leute in den Gemeinden den Nationalsozialismus gelebt haben. Das sind alltäglichen Dinge, die dieses Regime geprägt und möglich gemacht haben: eine Denunziation oder das Verbreiten des Gedankenguts in Form von Schriftgut und Kunst.
taz: Wie gehen Sie damit um?
Stölting: Der Ansatz, den wir verfolgen, ist, mit regionalen Initiativen und Privatpersonen zusammenzuarbeiten, die ein Interesse haben, in die regionale oder die eigene Vergangenheit zu schauen – weil der Bezug zum Gesamtsystem besser herzustellen ist. Wenn man über den regionalen oder den familiären Zusammenhang einen Ansatzpunkt schafft, legt man den Grundstein dafür, dass sich die Leute im Privaten, aber auch die Kultureinrichtungen tiefergehend mit diesem Thema auseinandersetzen können.
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