Kulturpolitik: Schiffschaukelbremser im Maßanzug
Die Schaustellerkultur und Martinsumzüge stehen auf Weimers Liste immaterieller deutscher Kulturgüter. Interessant ist auch, was nicht drauf steht.
„Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ – dieser Aushang steht ab sofort für eine „kreative, inklusive und innovative“ Kulturerrungenschaft: Die Schaustellerkultur auf Volksfesten wurde ebenso in die Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland aufgenommen wie die Ostseefischerei, das Kicken auf dem Bolzplatz oder die Martinsumzüge im Rheinland. Zu den fünf neu gewürdigten Traditionen gehört auch das „handwerkliche Anfertigen von Herrenbekleidung“, wie die Kulturministerkonferenz, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und die Deutsche Unesco-Kommission mitteilten.
Was die deutsche Herrenschneiderei so besonders macht, dürfte man sich nun besonders in Italien oder Frankreich fragen. Und wird nicht im Rest Europas genauso gefischt, schiffschaukelgebremst und gebolzt?
Nun hat Weimer ja besondere Ansichten davon, was förderwürdige Kultur ist. Deshalb ist wohl am interessantesten an der Liste, was alles nicht draufsteht: Der Döner etwa hätte als genuin deutsche Ausprägung der Kebapkultur durchaus Erwähnung finden können. Oder inhabergeführte kleine Buchhandlungen mit linker Ausrichtung?
Aber wo es um geldwerte staatliche Anerkennung geht, ist Weimer bekanntlich rigoros. Kürzlich strich er ein Übersetzungsprojekt für palästinensische Autoren von der durch eine Jury erstellten Förderliste des Hauptstadtkulturfonds – wogegen Kulturminister und -Senatoren aus acht SPD-geführten Ländern protestieren. Die SPD-Sommerfestbratwurst steht übrigens auch nicht drauf.
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