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Kulturmanagerin über Fastenbrechen„Den eigenen Horizont öffnen“

Der Hamburger Verein „Welcome Dinner“ bringt eigentlich Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte an Esstischen zusammen. Nun lädt er zum Fastenbrechen.

Soll Menschen zusammenbringen: Gemeinsames Fastenbrechen, hier unter freiem Himmel in einer Einkaufsstraße in Köln Foto: Oliver Berg/dpa

Interview von

Finja Schmidt

taz: Was genau ist Iftar im Ramadan?

Kristina Timmermann: Im Monat Ramadan wird ja zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nicht gegessen und nicht getrunken. Beim Sonnenuntergang wird dann das Fasten gebrochen und das eben oft gemeinsam. Ich faste selbst nicht, aber ich habe gehört, dass das gemeinsame Essen oft im Kreise der Familie oder mit Freun­d*in­nen zelebriert wird. Und das ist eben der Iftar.

taz: Der Verein „Welcome Dinner“, für den Sie aktiv sind, lädt mit anderen Initiativen auch in diesem Jahr zum gemeinsamen Ramadan-Dinner ein. Was wird es zu essen geben?

Timmermann: Das Essen bringen die Menschen vom Ehil-Kulturverein mit, denn wir haben das Glück, das die uns bei dieser gemischten Veranstaltung quasi einladen. Es gibt meist ein typisches Reisgericht und geschmorte und eingelegte Gerichte, wie zum Beispiel gefüllte Auberginen. Es gibt auch immer ein veganes Gericht und eins mit Fleisch. Zum Nachtisch gibt es Kokos oder Baklava. Und was ganz wichtig ist: die Dattel. Mit der wird oft das Fasten gebrochen und dazu gibt es eine Linsensuppe.

Bild: Foto: Johannes Herrmann
Im Interview: Kristina Timmermann

37, arbeitet seit 2017 im HausDrei, einem Stadtteilzentrum in Hamburg-Altona, und sie ist seit sieben Jahren beim Verein Welcome Dinner Hamburg aktiv.

taz: Wer kommt zu diesem gemeinsamen Fastenbrechen?

Timmermann: Diese Veranstaltung ist eine Kooperation von drei Vereinen und meisten ist die eine Hälfte der Menschen muslimisch und die andere nicht. Es entsteht ein total schönes Miteinander und Menschen kommen ins Gespräch. Wir haben jetzt auch das Glück, dass der Sonnenuntergang so früh ist. Vor zwei Jahren, als wir die Veranstaltung hier im „HausDrei“ das erste Mal gemacht haben, war Ramadan noch vor der Zeitumstellung. Das war dann schon sehr spät und ich glaube die Menschen hatten vor allem mit dem Durst zu kämpfen. Aber es ist eigentlich so, dass sich vorher viele Gespräche ergeben und man dann gar nicht so sehr ans Essen denkt.

taz: Wird sich zum Sonnenuntergang um 17.34 Uhr auf das Büffet gestürzt?

Timmermann: Ja, tatsächlich. Zehn Minuten vorher wird das warme Essen auf die Tische gestellt. Vorher stehen da nur die eingelegten Sachen und Wasser. Dann kommt ein Imam, der spricht ein Gebet und bricht das Fasten.

Fastenbrechen

„Vielfalt am Tisch: Ein Iftar-Abend in Gemeinschaft und Solidarität“, 21.2, 16:30 Uhr, Stadtteilzentrum HausDrei, Hospitalstraße 107, Hamburg

taz: Seit 2015 bringt der Hamburger Verein Welcome Dinner Menschen mit und ohne Fluchterfahrung an Esstischen zusammen. Ist es was Besonderes, wenn Menschen gemeinsam das Fasten brechen?

Timmermann: Wir machen das Welcome Dinner generell, um Menschen zusammenzubringen, die sich vielleicht auf der Straße erstmal nicht kennenlernen würden. Es geht darum, Menschen in Kontakt zu bringen, Begegnungen zu ermöglichen und in den Austausch zu kommen. Es ist bei solchen Veranstaltungen total wichtig, andere Perspektiven einzunehmen, das Leben durch die Augen anderer Menschen zu sehen und neue Dinge zu lernen, etwa über eine Religion, die einem nicht vertraut ist, von der man nur Sachen aus den Medien hört. Es geht darum, gute Erfahrungen zu machen, nette Menschen kennenzulernen und den eigenen Horizont zu öffnen für mehr Verständnis untereinander.

Wir wollen Menschen zusammenzubringen, die sich vielleicht auf der Straße erstmal nicht kennenlernen würden.

Kristina Timmermann, Verein Welcome Dinner

taz: Welche Botschaft möchten Sie Menschen mitgeben, die vielleicht zögern, an einem solchen Event teilzunehmen?

Timmermann: Solche Veranstaltungen, wo Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Geschichten zusammenkommen, sind immer eine Bereicherung. Es haben sich schon so viele Freundschaften aus solchen Begegnungen entwickelt. Es ist total herzlich und gemeinschaftlich. Viele wechseln von Tisch zu Tisch, und die meisten Menschen, die zu so einer Veranstaltung kommen, sind sehr offen und haben Lust was Neues zu lernen. Im Idealfall bringt man diese Offenheit natürlich auch selber mit.

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