Kulturen des Fußballs: Bratwurst oder Gänseleber

Jedes Fußballspiel ist ein kulturelles Ereignis für die Anhänger. Die sind so unterschiedlich, dass es am Ende nur noch sogenannte Fans gibt.

Ein Stadio voller roter FC Bayern Fahnen, und Rauch

Fan-Theater in Hoffenheim: Anhänger des FC Bayern München feiern ihren Klub Foto: Kai Pfaffenbach/reuters

Im Fußball wimmelt es nur so von Kulturen. Da ist schon mal die Spielkultur. Die ist ein seltenes Phänomen im deutschen Fußball. Bei Borussia Dortmund soll sie ja ab und an einmal aufblitzen. Der FC Bayern München hat wohl unter Pep Guardiola Spielkultur in München etabliert. Doch dann kamen Carlo Ancelotti und Niko Kovac und zertrümmerten das wertvolle Gut, so wie einst die Taliban die Buddha­statuen von Bamyan vernichtet haben.

Buddhastatuen sollen auch einmal beim FC Bayern entfernt worden sein. Der Legende nach wurden sie vom Jürgen Klinsmann an der Säbener Straße angebracht, um eine neue Trainingskultur zu etablieren. Eigentlich ging es um eine Trainingspausenkultur, denn die Spieler sollten Energieflüsse spüren, wenn sie sich auf den Loungesofas der Dachterrasse des Bayerntempels aufhielten.

Nicht wenige bezeichneten das als Unkultur. Und auch wenn Klinsmann versicherte, es habe sich bei den Buddhafiguren um nicht viel mehr als um einen innenarchitektonischen Gag gehandelt, meldete sich Bernhard Felmberg, der seinerzeitige Sportbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, und meinte allen Ernstes, den Spielern sei „auf diese Weise quasi eine Religion diktiert“ worden. Für ihn waren die Buddhas ein Bruch mit der Leitkultur im deutschen Fußball.

Zu der gehört gewiss auch das Bier und die Stadionwurst, die es inzwischen in manch Stadion auch in veganer Variante gibt. Darüber mag sich der ein oder andere Schweinswursttraditionalist ebenso empören wie über die Entscheidung der Verantwortlichen, bei einem Hochrisikospiel statt normal alkoholisiertem Bier nur leichte Plörre auszuschenken. Sie werden wissen, dass über ihnen in den VIP-Logen, niemand auf die Idee kommen würde, den hochbezahlenden Gästen alkoholfreien Prosecco zu servieren. Auch wird nicht mit einer klassischen Stadionwurst abgespeist, wer ein teures Hospitalitypaket erworben hat. Ein VIP muss, ob er will oder nicht, eher so Sachen essen wie geschmorten Ochsenschwanz mit Gänseleber an Süßkartoffel-Mousseline unter einer Mandel-Vinaigrette.

Der Klub klebt am Porsche

Dass sich die Esskultur im Stadion mal zu solchen Höhen aufschwingt, kann der Wurstesser aus der Kurve vielleicht nur schwer nachvollziehen. Seine Fußballsozialisation in der Kurve mag zu einer Zeit begonnen haben, als ein Pausenprogramm mit einer Akrobatikshow der Motorradstaffel der örtlichen Bereitschaftspolizei fast schon ein Saisonhöhepunkt war.

Derweil schwärmen andere im Stadion vom unvergessenen Pausenauftritt einer US-amerikanischen Sängerin mit dem russischen Namen Anastasia, die sich Anastacia schreibt und Enas­teischa spricht. Der Kurvenfan kann mit solchen Leuten meist nicht besonders viel anfangen. Für ihn sind das wohl eher sogenannte Fans, auch wenn sie ihren neuen Porsche Cayenne mit einem Aufkleber ihres Lieblingsklubs versehen haben mögen.

Es ist wirklich nicht einfach mit der Fankultur, die so viele Ausprägungen hat, dass man sich schon wundern muss, wie friedlich es in einem Stadion doch zumeist zugeht. Und auch wenn einem wichtigen Klubkunden schier das Champagnerglas aus der Hand fallen mag, wenn er ein beleidigendes Plakat in der Kurve der in seinen Augen sogenannten Fans erblickt, so wird er doch wissen, dass er auch dann nicht etwas zu befürchten hat, wenn hinter dem Tor „Scheiß Millionarios!“ gerufen wird. Er hat sich vielleicht nie so recht mit den fußballerischen Subkulturen beschäftigt, weiß das Gesinge und Fahnengeschwenke der Ultras aber durchaus zu schätzen.

So wie der Ultra dank Uli Hoeneß wissen wird, dass es die Stehplatzkultur im Stadion auch deshalb gibt, weil der sogenannte Fan im Hospitalitybereich mehr für den Stadionbesuch bezahlt als er. Entscheidend ist eh auf’m Platz – was wiederum eine Frage der Spielkultur ist.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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