Küstenort will mehr Tourismus: Ein neuer Name für die Suchmaschinen
Ein italienischer Küstenort wird von Suchmaschinen übersehen – und will jetzt handeln. Der Fall könnte Schule machen, findet unsere Autorin.
E inen langen Strand, mildes mediterranes Klima, ein historisches Zentrum, dem Tourismus gegenüber aufgeschlossene Bewohner:innen und sogar einen Bahnhof – der italienische Ort Vallecrosia hat viel von dem, was ein guter Ferienort so braucht. Aber eines fehlt. Zumindest nach Ansicht der lokalen Politik: ein passender Name.
Denn während Vallecrosia für Menschen ohne großartige Italienischkenntnisse erstmal vor allem nach Italien klingt, sind die Algorithmen von Suchmaschinen natürlich viel weiter. Valle = Tal, Vallecrosia muss also ein Ort irgendwo im Hinterland sein. Für einen Urlaubsort an der Küste ist es allerdings eher schlechtes Marketing, wenn Reisewillige, die so etwas wie Urlaub + Italien + Meer eingeben, Vallecrosia nicht in der Ergebnisliste erhalten. Der Ort will also seinen Namen ändern: Vallecrosia al Mare.
Geht die Strategie auf, könnte sie womöglich Schule machen – wenn auch in die andere Richtung. Denn wenn eine Namensänderung für digitale Sichtbarkeit sorgen kann, ginge das nicht auch umgekehrt? Mit einem Namenswechsel hin zu mehr digitaler Unsichtbarkeit? Denn das Problem vieler Orte und Städte ist üblicherweise nicht zu wenig Tourismus. Sondern zu viel. Amsterdam? Barcelona? Venedig? Koh Samui? Kyoto? Die lokale Bevölkerung würde wohl einiges dafür geben, weniger Reisende empfangen zu müssen. Ein digitaler Tarnumhang wäre da praktisch. Warum also nicht mal einen neuen Namen ausprobieren?
Das Gegenteil von hip
Für Orte in Deutschland bietet sich da der Namenszusatz „Bad“ an. Den zu bekommen ist zugegebenermaßen etwas kompliziert, aber dann könnte er wirken: Deutsche wissen, dass solche Orte in der Regel das Gegenteil von hip sind, und im Englischen sorgt „bad“ mindestens für Irritationen. Füssen, das lieber sein Lifestyle-Image behalten als ein Kur-Image bekommen will, hat sich daher jüngst gegen das Tragen des frisch verliehenen Titels entschieden.
International wäre vielleicht eine komplette Namensänderung wirksamer, um die Algorithmen zu verwirren. Die Umsetzung würde eine Menge Aufwand bedeuten, das ist klar. Aber wenn es mehr bringt als das Arsenal an Maßnahmen und Kontrollen, die derzeit aufgefahren werden – von Eintrittsgeldern über Bettenobergrenzen bis hin zu Sperrstunden – könnte es lohnen.
Ob auch Vallecrosia eines Tages zu den Orten gehört, die wünschten, etwas weniger Tourist:innen anzuziehen? Falls ja, haben sie dort immerhin einen einfachen Ausweg: das „al Mare“ ließe sich unkompliziert wieder aus dem Namen streichen.
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