Krieg um Bergkarabach: Nach Hause, ob tot oder lebendig

Der Gefangenenaustausch zwischen Armenien und Aserbaidschan ist schwierig. Verwandte von armenischen Soldaten wollen das nicht hinnehmen.

Armenien, Yerevan: Ein Mann küsst den Grabstein eines gefallenen Soldaten in der Region Berg-Karabach

Armenien, Jerewan: Ein Mann küsst den Grabstein eines gefallenen Soldaten Foto: Gevorg Ghazaryan/XinHua/dpa

BERLIN taz | „Gebt uns die Leichen unserer Söhne zurück“, ruft die Menge. Seit Tagen demonstrieren Hunderte Eltern vermisster und gefangener Soldaten vor dem Gebäude der Regierung in der armenischen Hauptstadt Jerewan. Künstler*innen ziehen mit Hunderten De­monstrant*innen in einem Solidaritätsmarsch vom Charles-Aznavour–Platz im Stadtzentrum zur französischen Botschaft.

Eine andere Aktion findet vor der russischen Botschaft statt. „Holt unsere Männer aus der aserbaidschanischen Gefangenschaft“, skandieren die Menschen. Auch Armeniens Präsident Armen Sargsyan hat in einem Brief an Präsident Wladimir Putin um Hilfe bei der Rückkehr seiner Landsleute gebeten, die in aserbaidschanische Kriegsgefangenschaft geraten sind.

Am 10. November 2020 wurde der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach beendet. Ein entsprechendes Abkommen war unter Vermittlung von Moskau ausgehandelt worden.

Das Dokument sieht auch einen Austausch von Kriegsgefangenen vor. Diesen sollen russische Friedenstruppen überwachen, die jetzt in der Region stationiert sind. Doch auch 23 Tage nach Kriegsende gibt es von armenischer Seite immer wieder Beschwerden, dass Aserbaidschan den Austausch von Gefangenen verzögere.

Keine Angaben

Nach Angaben des armenischen Gesundheitsministeriums wurden bislang 2.660 Leichen identifiziert. Inoffizielle Quellen schätzen, dass die Zahl der getöteten Soldaten doppelt so hoch ist. Die Behörden geben keine Auskunft über die genaue Anzahl vermisster und gefangener Soldaten. In der armenischen Öffentlichkeit ist von 150 bis 300 vermissten Militärangehörigen die Rede. Aserbaidschan macht bislang überhaupt keine Angaben.

Der armenische Menschenrechtler und ehemalige Justizminister Artak Zeynalyan vertritt mehrere Familienangehörige armenischer Gefangener beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg. Aktuell lägen 60 Anträge gegen Aserbaidschan vor, sagt er gegenüber der taz. Das heißt, die armenische Seite habe Beweise, dass 60 Personen in aserbaidschanischer Kriegsgefangenschaft noch am Leben seien.

Demgegenüber habe Aserbaidschan fünf Anträge zu aserbaidschanischen Soldaten in armenischer Gefangenschaft dem Straßburger Gericht vorgelegt, sagt Zeynalyan.

Menschen fahnden nach vermissten Soldaten auch über soziale Netzwerke. Es gibt eine Reihe von Facebook-Gruppen auf beiden Seiten mit Namen wie etwa „Ich suche einen Soldaten“.

Geschlagen und erniedrigt

Schon mehrere Familien haben ihre Söhne auf Videos erkannt, die im Netz verbreitet werden. Auf mehreren ist zu sehen, wie aserbaidschanische Soldaten armenische Gefangene schlagen, erniedrigen und zwingen zu wiederholen, dass Bergkarabach zu Aserbaid­schan gehöre.

Die Nichtregierungsorganisation Deutsch-Armenische Juristenvereinigung (DEARJV) mit Sitz in Nürnberg hat mehrere Strafanzeigen beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe wegen aserbaidschanischer Kriegsverbrechen im Bergkarabach-Krieg erstattet. Die Juristen ergänzen ihre Anzeigen ständig mit neuen Straftatbeständen. Dabei geht es um Folter, Vertreibung und Erniedrigung von armenischen Soldaten sowie Zivilisten.

Ein Problem bei dem Leichentransport ist, dass die von Aserbaidschan eroberten Gebiete vermint sind. Am vergangenen Samstag waren in der Region Fisuli mehrere Menschen gestorben, als unter ihrem Auto eine Panzermine explodierte.

Das Rote Kreuz werde seine Präsenz in der Konfliktzone verstärken und weitere 400 bis 500 Mitarbeiter*innen in die Region entsenden, sagte Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, am Dienstag der russischen Agentur RBC. Maurer warnte, dass weitere zeitliche Verzögerungen katastrophale Folgen haben könnten.

„Es kann zu Bodenverunreinigungen kommen. Die Identifizierung kann schwieriger werden, wenn die Leichen nicht vor Winterbeginn geborgen werden“, sagt er. Aus dem Krieg in den 90er Jahren würden noch 4.500 Soldaten vermisst. In der Region ist der erste Schnee bereits gefallen.

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