Konflikt um Bergkarabach: Russlands Rolle im Südkaukasus

Noch in der Nacht zu Dienstag lässt Kremlchef Waldimir Putin russische Friedenstruppen ins Kampfgebiet entsenden.

Ein russischer Soldat läuft neben einem Panzer.

Zeichen des Friedens in der Region Bergkarabach? Foto: Francesco Brembati/reuters

Seit Montagnacht 24 Uhr schweigen die Waffen an der Front in Bergkarabach. Am späten Montagabend unterzeichneten der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew und der Ministerpräsident Armeniens, Nikol Paschinjan, unter Vermittlung Präsident Wladimir Putins eine Waffenruhe. Beide Seiten verpflichten sich, die Truppenbewegungen auf dem letzten Stand einzufrieren.

Der Kreml hatte zuvor türkische Aktivitäten aufseiten Aserbaidschans zähneknirschend hingenommen

Noch in der Nacht zu Dienstag machte sich ein Kontingent von 2.000 russischen Soldaten als Friedenstruppen auf den Weg in die Region. Der Einsatz an der Demarkationslinie soll auf fünf Jahre begrenzt sein. Sie sollen auch die Verbindungen zwischen Armenien und Bergkarabach kontrollieren. Unter Aufsicht der Vereinten Nationen sollen auch Flüchtlinge zurückkehren können. Ob dies nur für die armenischen Flüchtlinge der jüngsten Kriegshandlungen gilt oder auch die in den 1990er Jahren 600.000 vertriebenen Aserbaidschaner betrifft, ist noch unklar.

Den Verhandlungen war am Montagabend der Abschuss eines russischen Militärhubschraubers vorausgegangen. Die Aseris hatten den Hubschrauber auf dem Territorium Armeniens abgeschossen. Zwei russische Militärs kamen dabei ums Leben. Baku entschuldigte sich für den Zwischenfall und bot den Hinterbliebenen Schadensersatzzahlungen an. Russland unterhält eine Garnison im armenischen Gymri.

Die Reaktion des russischen Außenministeriums fiel jedoch verhalten aus. Bei dem Abschuss eines russischen Kampfjets über der Türkei 2015 antwortete Moskau mit diplomatischen Maßnahmen und verhängte einen Einfuhrstopp für türkische Tomaten. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, maß dem Zwischenfall Dienstag früh im SenderEcho Moskwy aber keine Bedeutung bei.

Konkurrenz zwischen der Türkei und Russland nimmt zu

Der Vorfall hätte Russland indes als Anlass dienen können, in den Krieg auf armenischer Seite einzusteigen. Der Grund für einen Bündnisfall hätte vorgelegen. Armenien und Russland gehören der Verteidigungsgemeinschaft der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (ODKB) an. Aber auch Nachbar Aserbaidschan ist Teil dieses Bündnisses. Stattdessen wurde der Zwischenfall zum Anlass genommen, das russische Friedenskontingent sofort ins Kampfgebiet zu entsenden.

Trotz größerer Territorialverluste hätte das armenische Jerewan durch die Vereinbarung die Chance erhalten, in Bergkarabach weiter Einfluss auszuüben, meint der russische Kau­kasus­experte Arkadij Dubnow. Es sei auch ein „Sieg der Armenier“, die sonst Bergkarabach ganz verloren hätten. Erst hätte der Kremlchef Präsident Alijew „die Stadt Schuscha (armenisch Schuschi; d. R.) einnehmen lassen und danach dafür gesorgt, dass die Vereinbarung unterzeichnet wurde“. Damit bliebe Russland „Garant des Friedens“ im Südkaukasus.

Tatsächlich scheint Russland seine Rolle im Kaukasus festigen zu können. Friedenstruppen stellt nur Moskau in Bergkarabach. Zuvor kursierten Gerüchte, auch die Türkei würde sich an dem Einsatz beteiligen. Der Kreml hatte zuvor türkische Aktivitäten aufseiten Aserbaidschans zähneknirschend hingenommen.

Die Konkurrenz zwischen der Türkei und Russland hat im Kaukasus trotz engerer Handelskontakte zugenommen. „Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin sind beide von dem Gedanken beseelt, an die Geschichte des Osmanischen und Russischen Reichs anknüpfen zu können, meint der Islamexperte Alexej Malaschenko von dem Institut Dialog der Zivilisationen in Moskau.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben