Krankheit und Arbeit: Krank geschrieben, krankgeschrieben

Warum man vom Kranksein schreibt? Weil Männer nur unter verletzter Ehre und diagnostizierten Krankheiten leiden dürfen, wollen sie es dann auch.

Stifte liegen auf den Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen für Arbeitnehmer im Falle einer Krankschreibung durch den Arzt

Braucht man manchmal: die Bescheinigung seiner Unfähigkeit Foto: Jens Büttner/dpa

Ich bin zwar ganz furchtbar krank, aber nicht so, dass man sich Sorgen machen müsste. Die Ärzte tun das jedenfalls nicht, was anfangs allerdings auch daran lag, dass sie gar nicht wussten, dass es mich überhaupt gibt. Dabei wäre ich diesmal am liebsten gleich zu diesem „Hausarzt“ gegangen, den ich immer angebe, wenn jemand danach fragt. Nur zeigte leider schon eine oberflächliche Recherche: Er ist seit ein paar Jahren in Rente und möglicherweise schon gestorben.

Was Arztbesuche angeht, bin ich eher Theoretiker. Auf Anhieb fallen mir jedenfalls mehr medizinkritische Essays und Bücher ein als tatsächlich durchlebte Behandlungen.

Bis zu meinem 30. Geburtstag war ich offenbar nie krank – und habe mich noch nicht so recht daran gewöhnt, dass es inzwischen anders ist. Und ehrlich gesagt hat auch Corona nicht wirklich was an meiner Spritzenangst geändert – oder an meinem tiefen Misstrauen gegenüber dem Betrieb. „Der durchschnittliche Patient ist nur noch eine Nummer“, steht bei Horkheimer, „höchstens ein interessanter Fall.“

Tja, aber nun bin ich eben krank und wäre gerne ein Patient, meinetwegen auch eine Nummer oder notfalls sogar ein interessanter Fall. Stattdessen bin ich aber Landbewohner ohne Hausarzt, den man von wegen Ärztemangel leider auch gerade nicht aufnehmen kann, „tut uns wirklich Leid“.

Die Diagnose?

Bevor sich aber nun doch jemand Sorgen macht: Es hat nach ein paar Tagen dann geklappt und inzwischen träume ich nicht mal mehr von den Warteschlangenmelodien aus dem Telefon. Was genau ich habe, weiß ich allerdings immer noch nicht. Wohl mehrere Krankheiten gleichzeitig: als „multimorbider Patient“ wollte ich mich hier schon vorstellen, aber das gilt leider nur bei chronischen Erkrankungen. Das mit dem Outen-wollen ist allerdings wirklich spannend. Woher rührt dieser unbändige Wunsch, mit dem eigenen Siechtum nicht nur Familie und Kol­le­g:in­nen zu nerven, sondern auch noch Texte zu bespielen?

Den Kameraden sei gesagt: Mehr Achtsamkeit im Alltag statt den jährlichen Nahtod durch Männergrippe!

Die gendermäßige Antwort auf die Frage ist: Weil Cis-Männer ja ausschließlich unter verletzter Ehre und vom Herrn Doktor diagnostizierten Krankheiten leiden dürfen, wollen sie es dann bitteschön auch tun. Es gibt eine noch banalere Antwort, die ich auch nicht verschweigen will: Wer krank ist, ist krank und hat sonst eben nicht viel zu erzählen. Und die Kolumne jetzt abzusagen? So krank bin ich dann auch wieder nicht.

Interessanter ist aber doch die Männerfrage. Anna Ternheim singt in einem Lied von einem „place in the sun where broken men, heal their wounds“. Das könnte ein schönes Bild sein fürs gelegentliche Runterkommen, wofür gerade auch Männer dringend Werbung machen sollten bei ihren Blutsbrüdern und Kameraden: mehr Achtsamkeit im Alltag statt den jährlichen Nahtod durch Männergrippe!

Endlich mal runterkommen

Natürlich ist das alles ein bisschen vulgär gedacht. Arbeitsethos, Leistungsdruck und (Selbst-)Ausbeutung: Das alles ist komplex und lässt sich nicht mal eben mitleidheischend am Beispiel multipler Erkrankungen abhandeln – von denen ehrlich gesagt keine einzige besonders schlimm ist, die nur in Summe nerven wie Sau.

Aber skandalös ist es schon, dass wohl nicht nur ich mir gelegentlich wünsche, einfach richtig krank zu sein – um endlich mal runterzukommen.

Dabei fällt mir übrigens noch ein anderer Horkheimer-Text ein, den ich mit anderen Augen las, als ich noch dauergesund war: „Der Arzt heute hat im allgemeinen ein Interesse daran, dass ein Mensch, der krank ist, gesund wird“, steht da, „jedoch keines, dass er gesund ist und nicht krank wird.“

Na ja, und bei diesem Spiel mache ich nun eben auch mit, weil die Alternativen noch schlimmer sind. Sowohl das ungeheilt bleiben, als auch sich mit Vorsorge, Selfcare und Prävention abzumühen, nur um weiter gesund genug fürs Arbeiten zu bleiben.

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Jahrgang 1982, schreibt aus dem Bremer Hinterland über Kultur und Gesellschaft mit Schwerpunkten auf Theater, Pop & schlechter Laune.

Dieser Artikel stammt aus dem stadtland-Teil der taz am Wochenende, der maßgeblich von den Lokalredaktionen der taz in Berlin, Hamburg und Bremen verantwortet wird.

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