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Kosovo-Sondertribunal in Den Haag Ein Stück später Gerechtigkeit

Kommentar von

Barbara Oertel

Das Urteil gegen Ex-Präsident Hashim Thaçi löst im Kosovo scharfe Kritik aus. Es könnte aber langfristig ein positives Signal für die Zukunft sein.

D as unsägliche Erbe der Jugoslawien-Kriege wirkt bis heute nach, von einer Aufarbeitung der Vergangenheit kann keine Rede sein. Das war Ende August rund um den Tod des früheren bosnisch-serbischen Generals und verurteilten Kriegsverbrechers Ratko Mladić zu beobachten.

Tausende Ser­b*in­nen huldigten ihrem „Helden“. Auch die Serbisch-Orthodoxe Kirche segnete ihren verdienten „Gotteskrieger“, was sogar im Nachbarland Montenegro zu politischen Verwerfungen führte. Wohlgemerkt: Mladić zeichnet für das Massaker in Srebrenica 1995 mit über 8.000 Toten verantwortlich, während Serbien unter dem rabiat durchregierenden Staatschef Aleksandar Vučić in der Warteschleife für einen EU-Beitritt steht. Passt das zusammen? Wohl kaum.

Auch der Urteilsspruch des Den Haager Kosovo-Sondergerichts vom Mittwoch dürfte einen Dialog zwischen Serbien und dem Kosovo aktuell kaum befördern, sondern eher weiter spalten und polarisieren. Hashim Thaçi, Ex-Präsident des Kosovo und gern gesehener Gast westlicher Politiker*innen, sowie drei frühere Kommandeure der Kosovarischen Befreiungsarmee UÇK wurden wegen Kriegsverbrechen erstinstanzlich zu hohen Haftstrafen verurteilt. Viele Albaner*innen, nicht nur im Kosovo, schäumen – fühlen sich doch nicht wenige von ihnen ausschließlich als Opfer der nationalistischen Repressionsmaschine eines Slobodan Milošević.

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Doch „saubere“ Krieg gibt es nicht, Täter und Opfer auf beiden Seiten hingegen sehr wohl. Und bekanntermaßen ist es immer die Zivilbevölkerung, die die höchste Zeche zahlt. Zu prüfen, ob und welcher Verbrechen sich Thaçi und die drei Mitangeklagten schuldig gemacht haben, das war der Arbeitsauftrag des Gerichts.

Serb*innen, die Angehörige verloren haben oder über deren Schicksale auch nach Jahrzehnten immer noch im Unklaren sind, dürften die Urteile als ein Stück Gerechtigkeit interpretieren, das ihnen zuteilgeworden ist. Das könnte vielleicht ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft sein: Schon jetzt gibt es – wenn auch nur wenige – Ver­tre­te­r*in­nen beider Seiten, die an einer Aussöhnung arbeiten. Doch der Weg dorthin wird schmerzhaft sein und sehr, sehr lang.

Barbara Oertel Ressortleiterin Ausland

Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
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1 Kommentar

  • Zoran Milosevic

    Hallo liebe Taz,



    da ich Sie als eine der glaubwürdigen Nachrichtenquellen in diesem Raum sehe, fällt es mir schwer, so gewollte und nichtssagende Berichte zu lesen. Ich höre vor allem nicht auf, mich für mein Heimatland Serbien zu schämen. Jedoch finde ich sehr bedenklich, wenn Sie über solche Erreignisse so berichten. Vielleicht wäre es sinnvoll, auch die Verurteilungsgründe zumindest in kürzem anzudeuten. Die Gründe für so ein gravierenden Urteil könnte sich der Richter kaum ausgedacht haben? Wir alle finden doch den Internationalen Gerichtshof doch notwendig und wichtig? Das Problem sehe ich aber eher im sinkenden Vertrauen in die vertrauenswürdige Medien, der daraus resultiert. Was das für auswirkungen auf diese Gesellschaft hat, hat sich letztens in Sachsen-Anhalt gezeigt. Das kann unmöglich ihre Absicht sein. Also bitte etwas mehr Mut bei den Berichten, auch wenn das Ihrer immernoch einseitigen Berichterstattung bei diesem Thema widerspricht, mehr Objektivität und letztendlich mehr Journalismus. Alles Gute