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Konzertempfehlungen für BerlinZurück zum Beton

Zum Jahresbeginn gibt es einige Blicke zurück und Einblicke in die Musik von heute. Vor allem bei Ultraschall Berlin

Die Akkordeonistin Margit Kern steuert bei Ultraschall Berlin mehrheitlich Uraufführungen bei Foto: Ultraschall Berlin

W enn das Jahr frisch eingetroffen ist, braucht man oft ein bisschen, um selbst darin anzukommen. Liegt wohl auch am Winterbetrieb. Da schadet es nicht, in der Musik etwas Rückschau zu halten, um von dort aus die Gegenwart wieder in den Blick zu nehmen.

Eine Gelegenheit bietet das Konzert von Rosa Anschütz und Veronika Tikhonova am Mittwoch im Silent Green. Die Klangkünstlerin Anschütz liebt die synthesizergetriebenen Postpunk- und Gothic-Sounds der achtziger Jahre. Die Performancekünstlerin Tikhonova wiederum beschäftigt sich mit Fragen wie dem „Post-Internet“ und der „Poetik des Erotischen“. Dabei lohnt schon allein Anschütz’ stoisch-frostiger Gesang den Besuch in der passend gewählten Betonhalle mit ihrem kargen Industriecharme (Silent Green, 14. 1., 20 Uhr, VVK: 19,18 Euro).

Von Mittwoch an treten andernorts bis einschließlich Sonntag diverse Gegenwarten des 20. und des 21. Jahrhunderts in Dialog. Was sich als trockener Satz paradox lesen mag, ergibt bei Ultraschall Berlin jedoch Sinn, denn das Programm des Festivals für „neue Musik“ setzt sich aus Klassikern oder erst noch zu erschließenden Werken des 20. Jahrhunderts und Kompositionen der „Gegenwart“ zusammen.

Die Akzeptanz dieser Musik ist längst ganz anders als vor gut 100 Jahren – Kloppereien im Publikum oder vergleichbare Formen gesteigerter Partizipation gehören der Vergangenheit an. Dieser „Fortschritt“ bringt seine eigenen Schwierigkeiten mit sich: Meistens kommen eh bloß Leute, die sich Dissonanzen und anderen akustischen Widerständen gegenüber aufgeschlossen zeigen.

Wirklich überrascht wird vermutlich allenfalls ein Bruchteil der Anwesenden, ob im Konzertsaal oder am Radio, denn Ultraschall Berlin ist ein Radiofestival, ausgerichtet von Deutschlandfunk Kultur und Radio 3, wie das Kulturprogramm des RBB inzwischen heißt. Für die neue Musik des 20. Jahrhunderts liefern traditionell runde Geburtstage dankbare Anlässe. Gleich zwei 100. Geburtstage nimmt Ultraschall Berlin diesmal vorweg.

Die Sopranistin Johanna Vargas würdigt den 100. Geburtstag des Komponisten György Kurtág mit dessen „Kafka-Fragmenten“ Foto: Neue Vocalsolisten

Im einen Fall stehen die Chancen gut, dass der Jubilar seinen Geburtstag erlebt: Im Februar wird der Komponist György Kurtág 100 Jahre alt. Ihm zu Ehren führen die Sopranistin Johanna Vargas und der Violinist Ilya Gringolts am Donnerstag im Heimathafen Neukölln die „Kafka-Fragmente“ auf. Kurtágs versteht sich auf knappste Formen, und so versammelt dieser zwischen 1985 und 1987 entstandene Zyklus 40 Texte Franz Kafkas als „Miniaturdramen“.

Der andere Jubilar lebt seit 2012 nicht mehr, dürfte aber dieses Jahr ausgiebig gefeiert werden: Hans Werner Henze ist ebenfalls 1926 geboren, die Aufführung von dessen „Ariosi“ (1963) für Sopran, Violine und Orchester nach Texten von „Toquato Tasso“ am Freitag im Radialsystem bildet den Auftakt der Henze-Festlichkeiten.

Was nicht heißt, dass die Gegenwart zu knapp käme. Die Akkordeonistin Margit Kern spielt am Donnerstag im Heimathafen Neukölln mehrheitlich Uraufführungen, das Ensemble Mosaik unter Leitung von Enno Poppe am Sonnabend im Radialsystem sogar ausschließlich Unerhörtes (Ultraschall Berlin, 14.–18. 1., verschiedene Orte, Programm: ultraschallberlin.de).

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Kulturredakteur
Jahrgang 1971, arbeitet in der Kulturredaktion der taz. Boehme studierte Philosophie in Hamburg, New York, Frankfurt und Düsseldorf. Sein Buch „Ethik und Genießen. Kant und Lacan“ erschien 2005.
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