Konzertempfehlung für Berlin: Lyrische Betrachtungen zum Wetter

Seine Musik gleicht einem vertonten Stadtmagazin. Am Mittwoch feiert der Singer-Songwriter Der Nino aus Wien sein 10-jähriges Bühnenjubiläum im Lido.

Galant: Nino Mandl (Mitte) alias Der Nino aus Wien Foto: Pamela Russmann

Einmal angenommen, eine Platte wäre auch eine Zeitung, dann handelte es sich bei dem aktuellen Album des österreichischen Singer-Songwriters Nino Mandl alias Der Nino aus Wien um ein Stadtmagazin. Freilich um eines mit lyrischen Betrachtungen zum Wetter; und ja, es hätte glatt auch einen Sportteil, der klassisch am Ende des Blattes platziert wäre, respektive der Platte ist.

Akustikgitarre, Piano und Schlagzeug unterfüttern mit dem Swing der Enttäuschung die Erzählung eines Fans, der auf den Rängen über dem Rasen einen wahrlich vermaledeiten Nachmittag durchleiden muss: „Wo hostn du Kicken glernt“, ruft er einem Spieler zu und muss seufzen: „Da Stürmer steht do frei wie a Vogerl / Eich zuaschaun is a Graus.“ Es hilft nichts: „Oba jetzt hob i gnuag. Von dem Eierkick / Do bleib i liaba zhaus und sauf. Und nimm im Fernsehn a / Quizshow auf. Ois dassi ma so an / Kick gib.“ „Unentschieden gegen Ried“ heißt der Song und meint den oberösterreichischen Fußballklub SV Ried; der Nino ist stattdessen Fan von Rapid Wien, einem Verein mit proletarischen Wurzeln.

Fußball ist eine der Herzensangelegenheiten, ist Glück und Pech, Hingabe und Fiebern. Um das alles und um das Flanieren und Einkehren geht es auf Ninos Platten, die er seit zehn Jahren auf dem Wiener Label mit dem schönen Namen Problembär Records veröffentlicht.

Die aktuelle ist die zehnte, und zum Künstler gehört, dass erst sie schlicht seinen Namen trägt: „Der Nino aus Wien“ steht in goldener Schreibschrift auf schwarzem Cover; ein Zug, den man normalerweise von einem Debütalbum erwartet. Das hieß „The Ocelot Show“ und war eine sparsame, fast in Lo-Fi-Manier geschrammelte Produktion. Im vorigen Jahr spielte der Nino im ausverkauften Privatclub in Kreuzberg; wenn er jetzt um die Ecke, im größeren Lido auftritt, dann will das was heißen.

Und das neue Album, das er mitbringt, ist geradezu galant, wenn auch mit einigen Spritzern Raues. Ein schöner Frühlingstag mit gelegentlichen Eintrübungen, hieße es im Wetterbericht. Dass die Platte, man muss für sie übrigens kein Mundartspezialist sein, im Herbst erschienen ist; auch das mag zum Nino gehören.

„Unterwegs“, der Song, der das Album eröffnet, ist dann tatsächlich ein beschwingtes Frühlingslied, dabei handelt es sich um die Saison eines Herumtreibers, eines städtischen Zigeuners, vom „Leben ohne einen Weg“. Was bittersüß ist, das kann auch knirschen, also bohrt sich knallfall nach anderthalb Minuten ein Rockgitarrensolo hinein.

„Der Nino aus Wien“, Record Releaseshow: 16.01., Lido, Cuvrystraße 7, 21 Uhr, Tickets 16 €, www.lido-berlin.de

Überhaupt, so sehr man sich Nino als unsteten Alleinsegler vorstellen möchte, so wird er doch von einer Band begleitet, deren Besetzung seit Langem konstant ist. Ihre Musik ist eine Melange aus Beat und Folk, ihr Sixties-Vibe deutlich zu hören.

Hinzu kommt, Wien ist eine der Städte, in der man Lokalpatriot sein darf, ein ordentlicher Schuss Wiener Lied. Dessen Grundthema, schreibt das Österreichische Musiklexikon, „ist die Selbstdarstellung der Wiener, ihrer Lebensart, Menschentypen und Stadt, wobei sowohl eine hedonistische Lebensauffassung als auch die pessimistische Betrachtung der Jetztzeit im Vordergrund steht.“

Alles beim Nino vorhanden, mit einer Einschränkung: Er scheint eher Melancholiker als Pessimist zu sein, hungrig auf, wie er singt, „ein neues Wort, das ich noch nicht gekannt hab“. Der Unterschied macht den Sympathiepunkt.

Und wer dem Jetzt gänzlich abhold ist, schreibt kein Lied wie „Hände“. Zweiter Song der Platte, uptempo auch er, interessant dabei Ninos Stimme: Hier wie an anderen Stellen geht sie eine ganz eigenen Mischung ein, sie ist nämlich – so etwas geht! – weich mit dem Hauch einer charmant schnippischen Kuvertüre.

Beim Text ist genaueres Zuhören angebracht: „Sie hat sich nie umgedreht / sie hat den Wind überlebt / ihre Füße bewegt / in wirklich jede Gasse // Sie hat mit Tränen gelacht / sie hat das Fieber gepackt / ihren Hass umgebracht / weil sie ihn so hasste / sie wartet auf der Straße // Auf ein neues Bild, ein neues Lied, ein neues Spiel zu Ende gespielt.“

Einer der Einflüsse, die Nino zugeschrieben werden, ist Bob Dylan. Und wer weiß, vielleicht darf man sich die Frau, von der er singt, als jene vorstellen, die Dylan – einmal angenommen, das ist das Thema beim damals schon schwer fassbaren Zimmermann – in „It’s All Over Now, Baby Blue“ mit dem Satz aus der Tür schickte: „Reiß ein neues Streichholz an, beginn von vorn.“ Diejenige Ninos hat das oft getan und wenig davon bereut.

Ein anderer Name, der bei Nino oft fällt, ist Leonard Cohen. An dieser Stelle muss doch noch Kritik geäußert werden. Die B-Seite der Platte beginnt mit „Alles passt“: Musikalisch tut es das in der Pianoballade, die sich zum Slow-Motion-Reigen aufschwingt und in der sich nach zweieinhalb Minuten die Gitarre an Neil Youngs „Eldorado“ anlehnt, textlich aber wäre weniger mehr gewesen: „Die dunkle Straße lacht vor dem geheimen Beisl“; gut, „The Dark End of the Street“, James Carr und viele andere, lässt sich machen.

Eine Zeile jedoch wie „Und die Sorgen fallen in den Aschenbecher rein“, das ist dann eindeutig zu viel aus der sentimentalen Hausapotheke. Wäre Cohen das unterlaufen, hätte er einen Weg gefunden, es in der folgenden Zeile zu brechen. Gut, dass Nino genau danach mit dem rumpelnden Fußballlied einen prägnanten Konterpunkt plaziert hat. No ma Glick gehobt!

Dieser Text erscheint im taz.plan. Mehr Kultur für Berlin und Brandenburg immer Donnerstags in der Printausgabe der taz

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