Konzertdebüt von Londoner Trio Moin: Wabern gegen bleierne Tage
Genialer Abend mit Moin! Das gehypte Londoner Noisetrio überzeugt bei seinem Konzertdebüt im Berliner „Silent Green“ mit konzentrierter Spielfreude.
Anders als es bei einer Band zu erwarten ist, die mit noisigem Feedback-Loops auftrumpft und Bezüge zum Posthardcore der 1980er und 90er Jahre herstellt (auf eine Weise, die alles andere als epigonenhaft wirkt), überwiegen im Publikum keine älteren Herren mit Faible für Shoegaze, Grunge und Postrock.
Stattdessen hat sich eine bunt gemischte junge Crowd mit modischem Sendungsbewusstsein eingefunden. Es gibt reichlich hippe Haartracht zu bestaunen, während man darauf wartet, dass es auf der in der Raummitte platzierten Bühne losgeht.
Stabilisierende Beats
In den zehn Jahren, bevor 2021 Moins Debütalbum „Moot!“ erschien, bildeten Tom Halstead und Joe Andrews zusammen das Elektronikduo Raime – sein Sound düster, eher fokussiert auf grummelige Industrial-Texturen als auf Beats. Rhythmen – solche, die die gerahmten Klangwelten stabilisieren und zugleich weit aufspannen – sind dagegen das Markenzeichen von Valentina Magaletti, einer kollaborationserprobten Schlagzeugerin mit süditalienischen Wurzeln.
Moin, live: 27. Februar 2025 Wuppertal, „Open Ground“,1. März 2025 München „Haus der Kunst“
Magaletti versteht es, avantgardistische Improvisation mit Popappeal zu betanken. Bei der psychedelischen Dreampop-Band Vanishing Twin spielte sie ebenso mit wie bei Tomaga, einem Duo, das zwischen Industrial, Jazz, Psychedelia und Minimalismus oszillierte und leider durch den Krebstod ihres Mitstreiters Tom Relleen 2020 ein tragisches Ende fand.
Raime, so erklärte Andrews dem Onlinemagazin The Quietus unlängst, wähnten sich nach ein paar Jahren gemeinsamen Schaffens in der Sackgasse. Magalettis Schagzeugspiel bot (neben den analogen Instrumenten, die die beiden wieder in die Hand nahmen) offenbar den Ausweg und sorgte für neue Fluidität.
Straff, groovy, ohne Schnörkel
Wirkte das Moin’sche Debütalbum noch ein bisschen wie die Ausformulierung einer Idee, klingt der Nachfolger „Paste“ schon wie dessen geschmeidige Umsetzung: straffere, verblüffend groovige Songs, in denen dennoch Schnörkel steckten. Vergangenen Herbst erschien dann ihr bislang zugänglichstes Album „You Never End“, bei dem die Band erstmals im großen Stil mit Stimmen arbeitet. Davon ist beim Konzert jedoch nichts zu hören.
Die Tracks verschmelzen zu einem gut einstündigen, instrumentalen Amalgam mit starker Sogwirkung. Gerade erst haben sie ihr Set mit „Cubby“ eröffnet, einem Stück, bei dem Andrews geerdetes Gitarrenintro die Zuseher:Innen erst bei der Hand nimmt, nur um deren Imagination durch Magalattis polyrhythmisches Geklöppel in alle Richtungen gleichzeitig zerstäuben zu lassen, da ist das Konzert schon wieder vorbei.
Unterbrochen wird der wohlige Bewusstseinsstrom nur durch gelegentlichen Applaus für Passagen, in denen die Ambiguitätstoleranz ihrer Klangwelten besonders hell leuchtet. Produktive Beunruhigung trifft bei Moin auf eine erstaunlich tröstliche Melancholie.
Auf der Bühne steht nicht nur das Trio, mit Halstead am Elektronik-Pult – sondern auch ein vierter Musiker am Bass. Seinen Namen wird man nicht erfahren; Ansagen gibt es keine. Die Band spielt konzentriert und bildet einen Kreis inmitten eines grünlich ausgeleuchteten Raums. Die vier spielen einander zugewandt. Trotzdem bleibt das Publikum nicht außen vor.
Durch das konzentrierte Zusammenspiel entsteht ein wabernder Energiekreis, bei dem Uncanniness (eine Art Grusel) auf spröde Grooviness trifft. Immersive Noisepassagen klingen live deutlich roher – aber doch nach einem geschützten Kokon, in den man sich gerne fallen lässt. Derweil verhindern die zentrifugalen Beats, dass es allzu hermetisch wird. Toll, dass ein Hype wirklich mal passender Soundtrack zur Zeit sein kann.
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