Konflikt zwischen Kurden und Türkei: Rojava bereitet sich auf Krieg vor

In dem kurdisch-dominierten Gebiet in Syrien wächst die Sorge vor weiteren Angriffen der Türkei. An Rojavas Seite steht die syrische Regierungsarmee.

Kurdisch-arabische „Syrische Demokratische Kräfte“ (SDF) marschieren in Nordsyrien Foto: Ahmed Mardnli/epa

QAMISHLO taz | Der Angriff nahe der nordirakischen Stadt Dohuk ist einer von vielen in der Region. Denn im Nordirak führt die Türkei einen oft wenig beachteten Krieg. Doch auch in den kurdisch geprägten, autonomen Gebieten in Nord- und Ostsyrien, auch bekannt unter dem Namen Rojava, gibt es immer wieder Angriffe.

Zuletzt hat nach Angaben der „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ eine türkische Drohne in der Nacht des 19. Juli einen Stützpunkt der bewaffneten Kräfte Rojavas, die Syrischen Demokratischen Streitkräfte (SDF), angegriffen und mindestens zwei Soldaten getötet – der dritte Drohnenangriff in Nordostsyrien der letzten drei Tage.

Für die Türkei sind die SDF ein Ableger der PKK. Seit Wochen gibt es in Rojava Raketen- und Drohnenangriffe der Türkei. Deren Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte bereits Anfang Juni eine „neue Phase“ des Kriegs verkündet. Seitdem droht Ankara mit einer weiteren Invasion in Nordsyrien, als erstes Angriffsziel wurden die Orte Tel Rifaat und Minbij benannt. Die Türkei hat bereits seit 2016 in drei Angriffskriegen große Teile Rojavas annektiert.

Bereits am 6. Juli hatte daher die Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien den Ausnahmezustand ausgerufen. Dies ist das erste Mal, das dieser für das gesamte Gebiet gilt. Der Beschluss wurde auf einer Dringlichkeitssitzung des Generalrats gefasst. Darin heißt es: „Alle Kommunen, Räte und Institutionen der Selbstverwaltung werden aufgefordert, Notfallpläne zu beschließen, um den aktuellen Herausforderungen und Bedrohungen zu begegnen.“

Menschen schließen ihre Geschäfte, verlassen ihre Häuser

In Qamishlo, der mit 200.000 Menschen größten kurdisch-­dominierten Stadt der Region, geht der Alltag indes unvermittelt weiter. Zwar sind an den zahlreichen Checkpoints in und um die Stadt vermummte Po­li­zis­t:in­nen mit Kalaschnikows positioniert, das gehört jedoch zum Alltag. Auch der Bau von Schutzanlagen, Tunneln und Bunkern wird weiterhin, unabhängig vom Ausnahmezustand, vorangetrieben.

Anders sieht die Situation jedoch im direkt vom Krieg bedrohten Tel Rifaat und Minbij aus. Dort schließen, übereinstimmenden Berichten zufolge zahlreiche Geschäfte, und Menschen verlassen aus Sorge vor dem Krieg die Stadt. Ibrahim Sheikho ist Sprecher der Menschenrechtsorganisation Afrin und lebt in Tel Rifaat. Er sagt: „Wir bereiten uns auf den Krieg vor und werden hier bleiben. Wir werden die drohenden Schäden für die Menschen und die kommenden Verbrechen hier dokumentieren.“

Auch die Streitkräfte der SDF bereiten sich auf einen Krieg vor und haben angekündigt, ihre Gebiete zu verteidigen. Auf einer Pressekonferenz nahe der nordsyrischen Stadt Hasaka machte SDF-Kommandeur Mazloum Abdi deutlich, dass Rojava keinen Krieg wolle: „Wir tun alles, um einen Krieg zu verhindern“, doch stehe ein Angriff unmittelbar bevor. Daher sei man genötigt gewesen, mit der syrischen Regierung des Machthabers Bashar Al-Assad zu verhandeln. Dieses Mal werde man nicht allein sein, alle in der Region seien bereit, auch die syrische Armee.

Nach mehreren Wochen sei man zu einem Kompromiss zur gemeinsamen militärischen Verteidigung gekommen. In den letzten Tagen wurden daher verstärkt Artillerie und Panzer der syrischen Armee in die Grenzregion verlegt. Die Autonomieverwaltung betont jedoch, dass dies keine Zugeständnisse an Damaskus seien, sondern lediglich die ohnehin bestehenden Stützpunkte des Regimes in der Region betreffe. Bei den bisherigen türkischen Invasionen war es bereits zu ähnlichen Absprachen gekommen, ohne dass die syrischen Truppen jedoch wirklich in die Kämpfe eingegriffen hätten.

Viele Menschen in Rojava sorgen sich, dass ein Angriff der Türkei die gesamte Region destabilisieren könnte.

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