Konflikt zwischen Juden und Arabern: "Die Unruhestifter sind nicht aus Akko"
Die Hafenstadt im Norden Israels galt stets als das Beispiel der Koexistenz von Juden und Arabern. Für die jüngste Gewalt machen Alteingesessene prompt "Fremde" verantwortlich.
AKKO taz Das überwiegend von religiösen Juden bewohnte Viertel Schikun Misrachi in Akko ist seit einer Woche araberfrei. Die 15 islamischen Familien, die seit 20, 30 oder noch mehr Jahren friedlich unter den über 30.000 jüdischen Nachbarn lebten, fühlen sich nicht länger sicher in ihren eigenen vier Wänden. Walid Ali ist einer von denen, die aus Angst vor jüdischen Rowdys fluchtartig ihr Zuhause verließen. Erst wenn er sicher ist, dass die Kämpfe der zumeist jugendlichen Araber und Juden nicht wieder aufflammen, will er zurückkehren.
Akko, die am Mittelmeer gelegene alte Kreuzfahrerstadt im Norden Israels, erholt sich nur langsam von dem plötzlichen Hass und der Gewalt der vergangenen Tage. An kaum einem anderen Ort leben Juden und Araber so eng miteinander, im selben Wohnviertel, in den gleichen Mietshäusern wie hier. "Akko ist die Vorzeigestadt für Koexistenz", meint Aviko Turgemann überzeugt. "Wir haben das friedliche Zusammenleben erfunden." Aviko "Schawarma" lässt sich der lebhafte Chef eines Fastfood-Restaurants auch gern nennen. Was passiert ist, ginge auf "ein paar Schläger zurück", die ins Gefängnis gehörten, damit anschließend der Frieden zurückkehre.
Atef Abbas, Araber und Avikos Freund, gibt ihm Recht. Die beiden Mittvierziger haben schon als Kinder zusammen Fußball gespielt. "Die Unruhestifter kommen nicht aus Akko", sagt er, räumt allerdings ein, dass der arabische Autofahrer, der am Jom Kippur, dem heiligsten jüdischen Feiertag, mit angeblich überhöhter Geschwindigkeit und aufgedrehtem Autoradio durch ein religiöses jüdisches Wohnviertel brauste, "einen Fehler gemacht hat". Als "Tag des Fahrrads" würden die Araber den jüdischen Jom Kippur begehen. "Aus Respekt vor den Andersgläubigen macht von uns keiner den Motor an."
Wenn er könnte, würde er sich opfern, um das Geschehene ungeschehen zu machen, erklärte Tawfik Jamal, der provokante Autofahrer, offenbar selbst überrascht über die von ihm ausgelöste Gewalt. Inzwischen hat ihn die Polizei in Haft genommen. Jamal selbst bestreitet, betrunken gewesen zu sein oder laute Musik gespielt zu haben. Die national-religiösen Neubürger in der Schikun Misrachi waren jedenfalls sehr verärgert. Unter ihnen sind ein Dutzend Familien aus Gusch Katif, einer evakuierten jüdischen Siedlung im Gazastreifen.
"Diese Leute aus der Siedlung denken, dass sie uns behandeln können wie die Palästinenser in Gaza", schimpft Atef Abbas. Nach den ersten Auseinandersetzungen am Jom Kippur hätten sie "Verstärkung aus dem Westjordanland" angefordert. "Die Siedler sind es, die die Gewalt hier anstacheln." Diese Meinung teilt auch Faria Ali, der Bruder Walids, der in diesen Tagen Flüchtling in seiner eigenen Stadt ist. Zu neunt lebt die Familie jetzt in der 50 Quadratmeter großen Mietwohnung des ältesten Sohnes.
"Vier Stunden mussten sich mein Bruder und seine Familie vor den Angreifern verstecken, bevor die Polizei ihnen zu Hilfe kam", berichtet Faria Ali. Erst um Mitternacht hätten zwei Beamte die Familie aus dem Haus geleitet. Das Auto Walids und das seines Sohnes wurden noch in derselben Nacht in Brand gesteckt. Um langfristig Ruhe in die Stadt zu bringen, müssten die "Fremden" wieder weggeschickt werden, meint Atef. Doch die Politik geht genau in die andere Richtung. 150 Häuser in der Altstadt stehen schon heute leer, weil ihre Bewohner die Miete nicht aufbringen konnten. Die arabische Bevölkerung, die nur noch ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmacht, weicht ins billigere Umland aus, während die Stadtverwaltung gezielt junge, zahlungsfähigere, jüdische Familien nach Akko holt. In Schikun Misrach entsteht ein neues Wohnviertel mit Eigentumswohnungen für die besser Situierten.
"Wir sind aber auch selbst schuld an unserer sozialen Misere", gibt Atef zu. Die arabische Bevölkerung hielte Bildung nicht sehr hoch. Die meisten Leute in der Altstadt seien Fischer und damit zur Armut verdammt. Im Hafen von Haifa, wo Atef, der gelernter Schiffsbauer ist, arbeitet, "werden immer neue Arbeitskräfte gesucht", sagt er. "Unter meinen Freunden ist nur keiner dafür ausgebildet." Trotz der Frustration rechnet Atef nicht mit einer neuen Welle der Gewalt. "Diesmal haben beide Seiten ihre Lektion gelernt."
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