Konferenz zur Biodiversität: Das Rennen um die Artenvielfalt

Dieses Jahr soll sie nun endlich stattfinden, die wichtige UN-Konferenz zur Rettung der Natur. Ein Ziel wird das Finden einer klaren Richtung sein.

Ein Schmetterling auf einer Fingerkuppe

Ach, Schmetterling, du bist so schön! Früher gab es mehr von deiner Art Foto: Ute Grabowsky/photothek/imago images

BERLIN taz | Einen Marathonlauf ohne Ziel – das hat Corona aus der wichtigsten Weltnaturschutzkonferenz seit Jahren gemacht. Sich immer wieder neu für die Verhandlungen zu motivieren, sei herausfordernd, heißt es aus Zivilgesellschaft und Wissenschaft, aber das sei okay. Schließlich gehe es um viel, nämlich um die Rettung der Vielfalt des Lebens. Eigentlich sollten sich die Mitgliedsstaaten der Biodiversitätskonvention (CBD) im Herbst 2020 im chinesischen Kunming versammeln und ein neues Abkommen beschließen.

Die Pandemie verhinderte das. Seitdem gibt es immer neue Termine und immer neue Absagen. Die neueste: Die wichtigen Vorverhandlungen, die für Januar in Genf angesetzt waren, sollen wegen der nahenden Omikron-Variante nun im Frühjahr, vielleicht Ende März stattfinden. Und einige Wochen oder Monate danach dann die große Mitgliedsstaatenkonferenz.

Die Biodiversitätskonvention soll 1. die biologische Vielfalt erhalten, 2. ihre nachhaltige Nutzung regeln und 3. Profite, die mit biologischer Vielfalt erzielt werden, gerecht verteilen, fasst Thilo Maack von Greenpeace das Übereinkommen zusammen. Um dorthin zu kommen, setzen sich die Staaten Ziele, die sie in einem Zehnjahres-Zeitraum verwirklichen wollen. Solche Ziele gab es bislang auch schon.

Sie waren gut, wurden aber verfehlt. „Es wird künftig darum gehen, nicht nur klare Ziele zu formulieren, sondern auch genügend Geld zur Verfügung zu stellen, um sie zu erreichen“, sagt Maack, „sie regelmäßig zu überprüfen und am besten auch Sanktionsmechanismen einzubauen, wenn sie nicht erreicht werden.“ Es geht um starke Vereinbarungen. Russland und China führen in den Verhandlungen die Länder an, die ein schwaches Abkommen anstreben. Die EU wird von Beobachtern als progressiv eingeschätzt (und die USA sind als Nichtmitglied der Konvention nur Zuschauende).

Ziele der Klimaschützer schon in die Politik durchgedrungen

Neidisch blicken die Artenschützer auf die Kollegen vom Klimaschutz. Seit den Verträgen von Paris haben die eine Zahl, die es einzuhalten gilt und an der sich politische Entscheidungen ausrichten können: 1,5 Grad. „Inzwischen gibt es in der Wirtschaft, im Finanzsektor und in der Politik Berichte, Maßnahmen und Richtlinien, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen“, sagt Florian Titze vom WWF. „Klimaschutz ist notwendig, das haben die wesentlichen Akteure inzwischen mehrheitlich verstanden.“

Die Notwendigkeit, Biodiversität zu schützen, laufe hingegen in vielen wichtigen Bereichen noch unter dem Radar – „etwa im Finanzsektor“, sagt Titze. So werde im Zusammenhang mit Naturschutz meist über öffentliche Gelder gesprochen, etwa über den Abbau naturzerstörender Subventionen oder über Förderprogramme für den Artenschutz. „Bei Investitionen von Banken, Unternehmen oder Aktienfonds etwa in Projekte für Bergbau, Plantagen oder in Infrastruktur spielt Naturschutz so gut wie keine Rolle“, sagt Titze, „das muss sich ändern.“

Ein positives Beispiel sei etwa die EU-Taxonomie, die Kriterien für nachhaltige Anlagen aufstellt. Der Schutz der Biodiversität ist dabei einer von sechs Bereichen. Auch was die neue Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag zum Thema Artenschutz geschrieben hat, liest sich für die Umweltorganisationen erst mal gut. Die Erwartungen an die „grüne Achse“ aus Landwirtschafts-, Umwelt-, Wirtschafts- und Außenministerium sind enorm. „Die Ampel wird nicht nur daran gemessen, ob mit ihrer Politik das 1,5-Grad-Ziel von Paris einzuhalten ist“, sagt Maack, „sondern auch daran, was sie gegen das Artensterben unternimmt.“

30 Prozent der Erde sollen unter Schutz stehen

Um die Vielfalt der Arten und ihren Wert greifbarer zu machen, benutzen auch die Naturschützer inzwischen häufig eine Zahl: 30. 30 Prozent der Erde sollen, so steht es auch in den vorläufigen Verhandlungstexten, unter Schutz gestellt werden. In Europa bedeute das, extensiv genutzte Kulturlandschaften zu schützen, sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Der renommierte Agrarökologe hat unter anderem an dem Bericht zur Lage der Arten und Ökosysteme mitgewirkt, der den Verhandlungen zur Biodiversitätskonvention zugrunde liegt.

Eine echte Wildnis ohne jede menschliche Nutzung hält er in Deutschland nur für einen kleinen Teil der Fläche für sinnvoll. „Ganz überwiegend ist der Erhalt von extensiv genutzten Weideflächen, von Heiden oder Auenlandschaften gemeint“, sagt Settele. Auch an den wenigen Orten der Welt, wo noch intakte Urwälder vorkämen – etwa im Amazonas oder im Kongo –, lebten Menschen, deren Interessen geschützt werden müssten. „In den Regenwäldern haben die Menschen den Wald viel vorsichtiger beeinflusst“, sagt Settele, „auch hier können Totalreservate nicht das Ziel sein.“ Für die Natur sei der Mittelweg der beste: Pflanzen und Tiere müssten geschützt werden, der Mensch solle aber eine Rolle spielen.

Doch welche? Und wer darf beim Natur-Monopoly die Miete kassieren? Auch darum geht es bei den weit verästelten Verhandlungen über ein neues Abkommen im Rahmen der CBD. Im beschaulichen Gatersleben in der fruchtbaren

Mitte Sachsen-Anhalts arbeitet der Agrarwissenschaftler Andreas Börner am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK). Auch er erwartet die Verhandlungen für ein neues Rahmenabkommen mit großem Interesse. Börner ist Herr über die Genbank der IPK, einer gewaltigen Sammlung von Samen. Rund 151.000 Samen von Gersten-, Roggen- und Weizensorten, von Erbsen, Linsen, Zwiebeln, Bohnen, Kohl, Salaten und Minzen überdauern in Einmachgläsern in einem großen Kühlraum bei Minus 18 Grad Celsius die Zeiten. Die Genbank des IPK, das ist so etwas wie das Gedächtnis der deutschen Kulturpflanzenzucht.

Jährlich wächst die Sammlung. Sorten, deren Zulassung beim Bundessortenamt in Hannover ausläuft und die von den Züchtern nicht mehr an Landwirte verkauft werden, wandern als Stichprobe nach Gatersleben. Der Schatz der Sammlung besteht aber in den alten Sorten, die schon seit den 1920er Jahren auf der ganzen Welt gesammelt und seit 1945 in Gatersleben aufbewahrt werden. „Diese Sammlungen wäre heute nicht mehr möglich“, sagt Börner.

Früher schon, da brachen Expeditionen in die Mongolei auf, in den Iran, nach Albanien, Georgien, Tunesien oder Äthiopien und brachten von dort etwa Weizensorten mit, die in sehr heißen, trockenen Gebieten wuchsen: Gerstensorten, die auch mit geringen Mengen Salz auf dem Acker klarkamen.

In Gatersleben sammelte man einige Exemplare, trocknete, beschrieb, archivierte sie und krümelte ihre Samenproben in Einmachgläser. Heute beugen sich Biologen und Bioinformatiker über diese Samen, sequenzieren ihre Genome und machen sie digital verfügbar. Mit diesen Daten können Wissenschaftler und Firmen weltweit Pflanzen erforschen, verändern und vermarkten. Neue gentechnische Verfahren wie CRISPR/Cas beruhen auch darauf, dass das Erbgut von Pflanzen digital verfügbar ist.

Ein Beispiel: Die Gaterslebener Wissenschaftler entschlüsseln das Genom der salztoleranten Gerstensorte aus dem Iran und veröffentlichen es auf einer Open-Source-Plattform. Mit diesen Informationen können Pflanzenzüchter Sorten entwickeln, die die Eigenschaften moderner Gerste mit der Salztoleranz der alten verbinden. Dank der neuen gentechnischen Methoden geht das schneller und preisgünstiger als früher. Doch: „Unter welchen Bedingungen dürfen wir das künftig?“, fragt Börner. „Müssen wir den Herkunftsländern einen Wertausgleich erstatten, wenn wir Sorten aus ihrem Gebiet sequenzieren?“

Neokolonialistischer Diskurs muss aufgebrochen werden

Dahinter steht die Frage, wem der Artenreichtum der Welt gehört. „Lokalen Bevölkerungsgruppen, Konzernen, Nationen?“, fragt Josef Settele. Bei den Verhandlungen gehe es auch um nationale Souveränität, um die gemeinschaftliche Nutzung öffentlicher Güter und das Machtgefälle zwischen dem Globalen Norden und dem Süden. Sowohl dem Schutz der Biodiversität als auch ihrer Nutzung liege ein „neokolonialistischer Diskurs“ zugrunde, sagt ­Settele.

Den gelte es zu entschärfen. Zum Beispiel, indem die Bedürfnisse und auch das Wissen indigener Völker in die Berichte und Verhandlungen einflössen – und zwar sachlich. „Indigen ist nicht automatisch gut“, sagt der Wissenschaftler, „auch hier gilt es, nachhaltige von zerstörerischer Nutzung zu unterscheiden.“

Das Problem sei, sagt Greenpeace-Campagner Maack, dass China in den Verhandlungen zum neuen Abkommen relativ erfolgreich versuche, die Staaten des Globalen Südens um sich zu versammeln und ihre Interessen vorschiebe, um ein weniger starkes Abkommen durchzusetzen. Der Endlosmarathon kommt dem Land dabei offenbar durchaus gelegen.

Doch noch ist das Rennen offen: Bislang haben auch die Naturschützer einen langen Atem.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Klimawandel

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Alle Artikel zum Thema

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de