■ Kommentar: Altern hat Zukunft Der Rentenstreit wirft auch eine kulturelle Frage auf
RentnerInnen regen sich auf über kleine Rentenkappungen und lassen sich zum Protest in Bussen gratis nach Berlin kutschieren („wohl 'ne verkappte Kaffeefahrt, wa!“). RentnerInnen also als Nutznießer des Sozialsystems, die nicht zum geringsten Verzicht bereit sind. Dazu passen die Magazinfotos von munteren Alten, die ihr „welkes Fleisch“ auf Mallorca bräunen und als „reichste Generation“ denunziert werden. Alles klar, oder?
Im Generationenkonflikt wird nicht nur um die Rente gestritten, sondern auch um die Wertschätzung der Altersgruppen. Materiell gesehen ist alles ganz einfach: Die Regierung hat Recht, auch den RentnerInnen ein kleines Opfer abzuverlangen. Wo doch die Jüngeren noch monatlich in ein Rentensystem einzahlen, von dem sie nicht mehr allzu viel haben werden. Aus Gründen der Verteilungsgerechtigkeit könnte man sogar sagen, die RentnerInnen von heute müssten auf noch mehr verzichten, denn schließlich wird keine Generation mehr so viel aus der Rentenkasse bekommen wie die Alten von heute. Und: Den Rentenwert in die Zukunft hinein abnehmen zu lassen ist nur ein politisches Verschiebemanöver aus Angst vor der Rentnerlobby.
So weit, so gut. Dennoch hinterlässt das Gerede um den „Krieg der Generationen“ ein eigenartiges Gefühl. Früher war das alte Mütterlein, das sich nicht zum Sozialamt traute, eine Mitleid erregende Ikone. Jetzt werden die fröhlichen alten Männer und Frauen, die im Kurhaus planschen, zu angeblichen Zeichen einer Dekadenz des Sozialstaats – dem stehen die jungen Existenzgründer gegenüber, unsere großen Hoffnungsträger.
Den Alten die Rente, den Jungen die Liebe der Gesellschaft, so scheint es. Doch in einer Gesellschaft, in der bald eine Mehrheit nicht mehr jung sein wird, müssen die Klischees von den unnützen Alten und den fitten Jungen hinterfragt werden. Künftig werden sich die Alten nicht schon in ihren Fünfzigern aus der Jobwelt verabschieden, zumal die wenigen Jungen damit überlastet wären, die einzigen Hoffnungsträger der Gesellschaft zu sein. Daher muss nicht nur die Rentenfrage gelöst, sondern auch die Frage der (Selbst-)Wertschätzung der Generationen neu gestellt werden. Im Generationenstreit geht es eben nicht nur ums Geld.
Barbara Dribbusch
Bericht und Interview Seite 6
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen