Kommentar zu Schülerprotesten : „Diese GenZ regelt gar nichts“
Die junge Generation in der Bundesrepublik habe bessere Ausgangsbedingungen als alle ihre Vorgänger, meint taz-FUTURZWEI-Kolumnist Udo Knapp. Sie solle sie nutzen, statt zu lamentieren.
Foto: picture alliance/dpa | Marcus Brandt
taz FUTURZWEI | In Frankreich, in Serbien, in Italien, in Spanien und auch in Deutschland ist der Versuch eines Generationswechsels in der Politik unterwegs. Er wird auf den Straßen mit Randale, Bambule, Plünderungen und Kampf mit der Polizei vorgetragen. Zu hören sind die immer gleichen Erzählungen von den Jungen, deren Zukunft angeblich vernachlässigt wird, von den Jungen, die von den Alten nicht gehört werden, weil die sich nur um ihre Renten sorgen, während Schulen und Universitäten schlecht ausgestattet seien, ja bewusst vernachlässigt würden. In der Bundesrepublik wird diese Erzählung noch mit der Ablehnung der Wiedereinführung der Wehrpflicht getoppt.
Der auf Event und Skandale getrimmte Journalismus hat ein neues Thema. Mal gierig, mal routiniert, wird nach den Defiziten in Politik und Gesellschaft gesucht, an denen diese angeblich so gebeutelte GenZ leidet. Es wird nach Schuldigen unter den Politikern gesucht und mildes Verständnis für die Demonstranten gezeigt.
■ Udo Knapp ist Politologe und kommentiert an dieser Stelle regelmäßig das politische Geschehen für unser Magazin taz FUTURZWEI.
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin kein Freund unserer regierenden Eliten; sie handwerkeln ideen- und sprachlos vor den Herausforderungen unserer Zeit herum. Ich freue mich über die offene Politisierung von Teilen der Jungen, die sich ihren Platz in ihrer zukünftigen Gesellschaft eher per Regelübertretung und Geschrei gegenüber den Alten erzwingen wollen, statt sich die Ochsentour des Aufstiegs zu Verantwortung und Führung in den Parteien und Institutionen zuzumuten.
Revolution funktioniert in Serbien, nicht in Deutschland
Das beliebte Bild von Bewegungen, von Revolten, die zu Revolutionen und großen Wandlungen geführt haben, weil von den besonders Klugen der jeweiligen Generation auf den Barrikaden die richtigen Themen im richtigen Augenblick aufgerufen wurden und mit vollem Risiko und einem absoluten Wissen um ihre Mission durchgezogen; dieses Bild kann wohl auf den erfolgreichen Sturz des Regime Vučić durch die serbischen Studenten übertragen werden, aber beim besten Willen nicht auf die aktuellen Proteste der Gen Z in der Bundesrepublik. Diese Gen Z hat, bezogen auf ihre Lebenslage, ihre Ausbildungssituation, ihre Lebenschancen keinen nachvollziehbaren Grund zur Revolte. Sie lebt in besseren Ausgangsbedingungen als alle ihre Vorgängergenerationen inklusive der Baby-Boomer.
Die in den 1960er-Jahren durchgeführte Bildungsreform, angestoßen auch von der Studentenbewegung, ist eine Erfolgsgeschichte. Ralf Dahrendorfs Ansage “Bildung ist Bürgerrecht“ hat sich durchgesetzt. Das stark selektive Schul- und Hochschulsystem wurde chancengerechter.
Der Anteil der Arbeiterkinder an den Studierenden stieg von 1963 bis 1982 von 6 auf 18 Prozent. Heute liegt der Anteil von Studierenden aus Nicht-Akademikerhaushalten bei 47 Prozent. Das Schulsystem wurde bundesweit vereinheitlicht, die neunjährige Schulpflicht eingeführt, Schule an den Samstagen abgeschafft. Es wurden neue Hochschulen in Bochum, Regensburg, Konstanz, Augsburg, Bielefeld und Oldenburg, sowie die Fernuniversität Hagen gegründet. 1971 wurde das BAFÖG eingeführt, das kostenfreie Studium für alle befestigt und der Zugang zu den Hochschulen erleichtert.
Die neue taz FUTURZWEI
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°38: Wozu Männer?
Jetzt im taz shop vorbestellen
Patriarchat, Unterdrückung, Gewalt, Ehrenmorde, AfD: Wie geht untoxische Männlichkeit?. Mit: Güner Balcı, Caroline Wahl, Christina Clemm, Heike-Melba Fendel, Luisa Neubauer, Marcel Fratzscher, Wolf Lotter, Rainer Prohaska, Christian Schneider, Harald Welzer u. v. m..
Diese Reformen haben Wirkung gezeigt. Im Jahr 2025 haben über 50 Prozent des Jahrgangs das Abitur abgelegt, der Frauenanteil lag bei 55 Prozent. Parallel dazu wurde im nichtakademischen Bereich mit dem Berufsbildungsgesetz 1969 die „Duale Berufsausbildung“ gesetzlich vorgeschrieben.
Integration in die Konsummärkte
Dazu kommt noch etwas: Die GenZ ist in fast wahnwitzigem Ausmaß in die aktuellen Konsummärkte integriert. „Dass man mit 15 alle zwei Jahre, ein neues iPhone für 1.000 Euro braucht , ist doch absurd“, sagte Mathias Albert, Leiter der Shellstudie zur Situation der Jugend, der Zeit.
Trotz vieler immer wünschbaren Verbesserungen, auch im Bildungswesen, haben die Jungen in der Bundesrepublik eine Zukunft, wenn sie willens und in der Lage sind, etwas dafür zu tun. Der Reformbedarf ist unbestritten, Rechtfertigung für Krach auf der Straße ist das nicht.
In einem weiteren Horizont betrachtet, gibt es demographische und sozioökonomische Tatsachen, die für die Bildungs- und Ausbildungszukunft große Bedeutung haben. Die Alterung der Gesellschaft und die dauerhaft niedrigen Geburtenzahlen führen dazu, dass in den nächsten 40 Jahren die Alten Priorität beim Einsatz öffentlicher Mittel haben werden.
Weil die Alten länger leben als ihre Vorgänger, verringern sich die Möglichkeiten, zusätzliche Mittel für die Jungen einzusetzen. Die Jungen müssen klären, wie und ob sie sich einen solidarischen Ausgleich ihrer Interessen und der der Alten vorstellen, die für beide Parteien mit Einschränkungen verbunden sind.
Furcht an der richtigen Stelle platzieren
Digitalisierung und KI vernichten Arbeitsplätze, auch in den akademischen Arbeitswelten. Klimakrise und Energiewende schaffen und vernichten Arbeitsplätze, ohne dass die Folgen für Ausbildung und Studium heute schon beachtet und eingepreist werden. Vor diesem, hier nur beispielhaft aufgezeigten Hintergrund an fundamentalen Veränderungen, wirken die Proteste von GenZ wie das wütende Aufstampfen einer Generation, die sich der Wahrnehmung dieser Veränderungen und der daraus folgenden Zukunftsaufgaben verweigert.
Die Forderungen der GenZ zeigen überhaupt nicht, welche Rolle sie in den großen Krisen ante portas spielen wollen. Es würde durchaus Sinn machen, die etablierten Parteien inklusive Grüne mit den unabweisbaren Folgen der Veränderungen zu konfrontieren, damit eine gesellschaftliche Auseinandersetzung beginnen kann. Aber davon sind die Demos der GenZ weit entfernt. Sie sind nicht mehr als das altbekannte Geschrei nach mehr Geld.
Straßenproteste in Frankreich
Destruktiver Straßenkampf
Das überflüssige Geschlecht
Meinetwegen kann der Mann weg
Essay über Transformationen des Westens
Wir wollen Streit!
Vor dieser „GenZ regelt“ brauchen die Regierenden sich nicht zu fürchten. Diese GenZ fordert sie nicht wirklich heraus und sie nimmt auch nichts verantwortlich in die Hand. Der Generationswechsel in der Bundesrepublik bleibt bis auf weiteres eine unerfüllte Hoffnung.
🐾 taz FUTURZWEI: Zukunftsfragen zusammen denken und diskursiv voranbringen – wir sind das Magazin für Lösungen. Erhältlich als Einzelheft im taz Shop oder hier im Abo.