Das überflüssige Geschlecht : Meinetwegen kann der Mann weg
Der Mann von heute bewegt sich zwischen Dieter Nuhr und performative males – und ist biologisch überflüssig. Es gibt keinen Sinn, im Krieg der Geschlechter zu kämpfen, man(n) muss sich zivilisieren.
Foto: wikimedia commons
taz FUTURZWEI | Braucht es Männer überhaupt noch? Puh, schwer zu sagen. Klingt wie eine rhetorische Frage, auf die Jette Nietzard die Antwort schon kennt – und über die Dieter Nuhr einen seiner Witze machen könnte, die nach Herrentoilette riechen.
Die Frage unterstellt, dass „nicht alle Männer, aber immer ein Mann“ zwangsläufig von patriarchalen Verhältnissen profitiert, ich als Mann mich also zu Phänomenen wie dem „Heterofatalismus“ oder „toxischer Männlichkeit“ irgendwie verhalten, die Fingernägel lackieren und idealerweise Klassiker der feministischen Literatur studieren müsste, aber bitte nicht in der Öffentlichkeit, weil das wiederum „performative reading“ wäre.
Gerade dem privatpublizistischen „Netzfeminismus“ scheint die progressive Munition nie auszugehen, um „den“ Mann, wohlverstanden als „strukturelle“ Bedrohungslage auf zwei Beinen, unablässig mit einem Sperrfeuer einander oft widersprechender „Forderungen“ unter Rechtfertigungsdruck zu setzen. Braucht es mich noch?
Der überflüssige Mann
Aus biologischer Sicht ist der Mann natürlich längst überflüssig. Sein zappeliger Beitrag zur weiteren Existenz der menschlichen Spezies lagert bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff, das genügt. Frauen wiederum sind unverzichtbar, solange es noch keine künstliche Alternative zur Gebärmutter gibt.
Aus soziologischer und psychologischer Sicht hingegen aktualisiert sich die Frage nach Sinn, Zweck und Verzichtbarkeit des Mannes beinahe im Minutentakt. Dabei erscheint der „Krieg der Geschlechter“ bisweilen wie ein Beziehungsgespräch in XXXL. Bockig beschweigt der Mann, was die Frau fortwährend besprechen und problematisieren möchte. Wobei die Hartnäckigkeit der Frau dafür spricht, dass es den Mann durchaus „noch braucht“.
Meinetwegen, und das sage ich als Mann, kann der Mann gerne weg.
Womöglich hat das biografische Gründe. Ich habe nichts gegen Frauen, im Gegenteil. Einige meiner besten Freunde sind Frauen, immer gewesen. Klingt wie ein Witz, ist aber so. Die drei wichtigsten Menschen meiner Kindheit waren meine beiden Großmütter und meine Schwester. Lange dachte ich ernsthaft, Frauen wären „etwas Besseres“ – wie eine überlegene Spezies vermutlich von der Venus.
Kann sich Mansplaining von selbst erledigen?
Für eine Weile hielt ich in der Schule sogar meinen Klassenkameradinnen regelmäßig die Tür auf, bis mich eine Klassenkameradin darauf aufmerksam machte, wie penetrant und peinlich das ist. So liebedienerisch wie ein Mann, der sich als „Feminist“ bezeichnet und dafür auf Belohnung hofft – andernfalls er sich nämlich, leider, auf die Seite der „unfreiwillig zölibatären“ Incels schlagen wird.
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Ordinäre, also wirklich vernichtende Kommentare über Frauen – neuerdings nennt man das „verbale Gewalt“ – hörte ich übrigens immer nur von Frauen, niemals von Männern. Möglich, dass ich mich in den falschen Kreisen bewege. Ich fühle mich in diesen Kreisen aber ganz wohl, einfach, weil’s meine eigenen Kreise sind.
Ausnahmslos alle meine bisherigen Chefs waren Frauen. Ohne meine Lektorin wäre ich nur ein mittelmäßiger Schriftsteller und ohne meine Motorradmechanikerin längst tot. Für eine Weile lebte ich als einziger Mann in einem Haushalt mit acht Frauen, zwei Katzen und den Hund eingeschlossen. Stets sorgte es für große Heiterkeit, wenn ich mich in dieser Zeit versuchsweise „als Patriarch“ in Szene setzte. Hingezogen fühle ich mich nur zu solchen Frauen, die mir intellektuell überlegen sind (emotional werden sie mir nie das Wasser reichen) – meine Frau und meine beiden Töchter eingeschlossen. Unsitten wie „Mansplaining“ oder „Manspreading“ erledigen sich da ganz von selbst.
Über das Patriarchat, seine Ursachen und verheerenden Folgen (für beiderlei Geschlecht) bin ich inzwischen hinreichend informiert. Ich begehre, nicht Teil des Problems zu sein. Dazu gehört, mir keinerlei Gedanken darüber zu machen, wie ich „für mich“ dieses Mysterium der „Männlichkeit“ definiere oder inszeniere.
Wenn es einen „Krieg der Geschlechter“ überhaupt gibt (und nicht nur die Berichterstattung darüber), dann verweigere ich den Wehrdienst.
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Ich habe mich, um im Bild zu bleiben und ganz praktisch gebraucht zu werden, für einen Zivildienst verpflichtet, in dem ich mal Vater, mal Ehemann, mal Geliebter und manchmal der Mann im Wald bin, den die moderne Frau angeblich mehr fürchtet als den Bären. Ich versuche, in all diesen Rollen gut zu sein und schlimmstenfalls meine eigenen Fehler zu machen – statt Ratschlägen misogyner oder misandrischer Influencer*innen zu folgen, die es selbst selten besser wissen.
Dieter Nuhr und Jette Nietzard haben einander verdient, aber nicht meine Aufmerksamkeit.
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