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Kommentar Proteste in Frankreich Republik des Unbehagens

Kommentar von

Rudolf Balmer

Unbeirrt hält Nicolas Sarkozy an seiner Rentenreform fest, trotz der Massendemonstrationen. Peitscht er sie durchs Parlament, wird die Verbitterung im Volk wachsen.

W ird man bald wieder, wie bei der politischen Krise von 1995, über "französische Zustände" reden, wenn im Nachbarland die Bürger auf die Barrikaden steigen, weil sie sich einen organisierten Rentenklau nicht gefallen lassen wollen? Die Franzosen und Französinnen selbst erkennen ihren Staat nicht wieder. Der soziale Wohlfahrtsstaat mutiert zu einer Republik des Unbehagens und des Unmuts.

In den Monaten und Wochen, die jetzt schon über die Rentenreform gestritten wird, haben sie Zeit gehabt nachzurechnen, wie viel sie diese angebliche Anpassung an den europäischen Normalfall kosten wird. In den meisten Fällen kommt da für die Arbeitnehmer von heute und morgen eine Kürzung der Renten heraus. Über die Frage, ob die Opfer nicht wenigstens ein bisschen gerechter verteilt werden könnten, will die Staatsführung nicht verhandeln.

Entsprechend wütend sind die Teilnehmer an den Massendemonstrationen. Sie haben den Eindruck, dass der Staatschef einseitig die Spielregeln abgeändert hat. Denn bisher galt das ungeschriebene Gesetz, dass die Führung zurückbuchstabiert, wenn sie mit einer Vorlage Hunderttausende oder gar Millionen auf die Straße treibt.

RUDOLF BALMER

ist taz-Korrespondent für Frankreich. Er arbeitet und lebt in Paris.

Nicolas Sarkozy will gegen die öffentliche Meinung, die laut Umfragen klar auf der Seite des gewerkschaftlichen Widerstands steht, aber Recht behalten, er will den starken Mann spielen. Seine Regierung soll darum an der schlecht vorbereiteten Reform festhalten. Im für sie besten Falle kann sie diese im Parlament durchdrücken. Ihr "Sieg" spiegelt dann aber nur ihr Unvermögen wider, die eigene Bevölkerung vom Sinn und Nutzen dieser Rosskur zu überzeugen.

Statt Applaus kann Sarkozy dafür nur Verbitterung ernten. Die Frage ist nur, wie weit die Konfrontation von Macht und Ohnmacht des Sozialstaats in diesem heißen Herbst noch gehen wird.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Rudolf Balmer Auslandskorrespondent Frankreich

Frankreich-Korrespondent der taz seit 2009, schreibt aus Paris über Politik, Wirtschaft, Umweltfragen und Gesellschaft, gelegentlich auch für „Die Presse“ (Wien).
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1 Kommentar

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  • A
    Amos

    Die da unten sollen verzichten zu Gunsten der Oberklasse und der Rating-Agenturen, damit der Staat nach außen hin gut da steht. Von Frankreich geht wieder mal die Veränderung zu Gunsten der Unterklasse aus. Würde man da oben etwas vernünftiger denken brauchten sie auch eine Sytemveränderung nicht zu fürchten.