Kommentar Pressefreiheit in der Türkei: Herr über tausende Kioske
Erdoğan greift sich nicht nur Medienhäuser, sondern ganze Vertriebswege. Er kontrolliert nicht nur Inhalte, sondern auch die Verbreitung von Zeitungen.
N ach der Übernahme der türkischen Tageszeitung Hürriyet und einer ganzen Reihe mit ihr verbundener Fernsehsender wie CNN Türk durch eine Erdoğan-nahe Holding zu Beginn dieser Woche wurden Kommentare laut, die die Sache auf die leichte Schulter nahmen: „Standen die nicht sowieso längst unter Regierungskommando?“ „Was wird sich schon ändern?“ Aber so einfach ist es leider nicht.
Denn zu dem verkauften Paket gehört auch Yaysat, eine von zwei Vertriebsorganisationen in der Türkei, die auch die wenigen verbliebenen regierungskritischen Blätter wie Cumhuriyet, BirGün oder Evrensel in den Verkauf bringt. Die zweite Vertriebsfirma ist Turkuaz, die zur Sabah-Gruppe gehört, die bereits vor längerer Zeit unter Erdoğans Kontrolle kam.
Das denkbar beste Szenario wäre, dass beide Vertriebsorganisationen im Wettbewerb weiterhin ihre Tätigkeit ausüben. Die Alternative aber lässt einem die Haare zu Berge stehen: Yaysat und Turkuaz erhöhen gemeinsam ihre Kommission für den Vertrieb, die höheren Preise werden auf die oppositionellen Zeitungen umgelegt. AKP-nahe Medien dagegen erhalten Rabatte oder werden gar gratis vertrieben. Das träfe zunächst Publikationen mit niedriger Auflage. Regierungskritische Zeitungen, die in den letzten Jahren ohnehin Schwierigkeiten am Kiosk hatten und fast nur noch in Supermärkten und Buchhandlungsketten verkauft wurden, wären vom Verschwinden bedroht.
Dazu kommt die leider nicht unwahrscheinliche Option, dass auf Befehl von oben Pakete mit Zeitungen und Zeitschriften im Vertrieb in Anatolien gar nicht erst geöffnet werden, sondern als „unverkauft“ zurückgehen. Wer würde schließlich über einen Prozess entscheiden, wenn etwa die Cumhuriyet gegen eine Vertriebsgesellschaft klagte?
arbeitet als Schriftsteller und Journalist. Er ist Mitbegründer der bekannten türkischen Satirezeitschrift Uykusuz.
Kurz: Bei dieser Übernahme geht es um mehr als Hürriyet und CNN Türk. Im Vorfeld der Wahlen 2019 besitzt die AKP jetzt auch noch das Monopol über Zigtausende Zeitungskioske in der Türkei.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert