piwik no script img

Kommentar François Hollande Das Gegenteil von Sarkozy

Kommentar von

Rudolf Balmer

Die Primärwahlen geben Hollande eine Legitimität, wie sie bisher noch kein Kandidat hatte. Er startet mit einem klaren Vorteil in die Kampagne gegen Sarkozy. Bis jetzt.

G laubt man Politologen und Meinungsforschern, dann wurde am Sonntag nicht etwa der Kandidat von Sozialisten und linker Opposition für die französischen Präsidentschaftswahlen nominiert - sondern der nächste Präsident des Landes designiert.

Das erklärt den Massenandrang bei den "Primärwahlen": Nach allen derzeitigen Umfragen wird der sozialistische Kandidat François Hollande haushoch gegen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy gewinnen.

Aber es ist gerade ein paar Monate her, da haben dieselben Umfrageinstitute unisono einen anderen Sozialisten vorschnell für nominiert und gewählt erklärt, nämlich den damaligen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. Das war freilich, bevor dieser in Handschellen von der New Yorker Polizei abgeführt wurde.

RUDOLF BALMER

ist Frankreich-Korrespondent der taz.

In der Politik kommt es eben öfter mal anders, als die Experten meinen. Auch 1995 hatten die Demoskopen nach einem Blick in ihre Kristallkugeln den damaligen Premierminister Édouard Balladur für unschlagbar erklärt. Der Sieger hieß bekanntlich Jacques Chirac.

Trotzdem: Die Primärwahlen geben Hollande eine Legitimität, wie sie bisher noch kein Kandidat hatte. Er startet mit einem klaren Vorteil in die Kampagne gegen Sarkozy. Von seinem Ziel aber ist der Sozialist noch weit entfernt. Und es besteht das Risiko, dass die ganze Dynamik verpufft, ohne ihm zu nutzen.

Gewiss, der heutige Staatschef ist sehr unpopulär. Viele Franzosen sind von Präsident Sarkozy verärgert und enttäuscht. Deshalb präsentiert sich der Biedermann Hollande als pures Gegenteil des Amtsinhabers. Nach Sarkozys One-Man-Show will er als ganz normaler Mensch die Führung Frankreichs übernehmen. Genau das könnte vielen Franzosen, die immer noch von Staatsmännern wie Napoleon oder de Gaulle träumen, bald zu kleinkariert vorkommen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Rudolf Balmer Auslandskorrespondent Frankreich

Frankreich-Korrespondent der taz seit 2009, schreibt aus Paris über Politik, Wirtschaft, Umweltfragen und Gesellschaft, gelegentlich auch für „Die Presse“ (Wien).
Mehr zum Thema

0 Kommentare