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Kommentar Flüchtlinge vor Österreich Zug um Zug

Ralf Leonhard

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Ralf Leonhard

Österreich und Ungarn zeigen: Wenn jeder Staat seine eigene Politik betreibt, wird das Flüchtlingsproblem nicht gelöst werden.

S taus von 50 Kilometern Länge auf der Autobahn, Züge, die nicht über die Grenze gelassen werden. Die Flüchtlingsabwehr bedroht das Funktionieren des innereuropäischen Verkehrswesens. Was sich am Montag im Mikrokosmos der österreichisch-ungarischen Grenze abspielte, könnte ein milder Vorgeschmack auf die Zustände sein, die drohen, wenn der Schengen-Vertrag außer Kraft gesetzt wird.

Selbstverständlich dienen die flächendecken Kontrollen im Grenzbereich nur der Bekämpfung des Schlepperunwesens, wie Innenministerin Johanna Mikl-Leitner versicherte. Und dass der aus Budapest kommende Railjet voller Flüchtlinge von den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) nicht übernommen wurde, hat ausschließlich mit dessen Überfüllung zu tun, wie die ÖBB argumentiert.

Schon jetzt ist klar, dass die Kontrollen des rollenden Schwerverkehrs nur wenige Tage aufrechterhalten werden können. Strikte Überwachung als Dauerlösung würde die Kapazität der Polizei überstrapazieren und das Wirtschaftsleben empfindlich beeinträchtigen.

Abgesehen davon muss die Frage gestattet sein: Kann man den kriminellen Schlepperringen effizienter das Handwerk legen, als wenn man Flüchtlingen die legale Einreise mit dem Zug ermöglicht?

Egal, ob der Abzug der Polizei vom Budapester Ostbahnhof ein Revanchefoul gegen das von Österreich verursachte Verkehrschaos auf der Autobahn war oder ob das Massenlager auf dem Bahnhof einfach nicht mehr tragbar schien: Wenn jeder Staat seine eigene Politik betreibt, wird das Flüchtlingsproblem nicht gelöst werden.

Das Dublin-Abkommen, das die Abschiebung in jenes Land erlaubt, wo ein Flüchtling erstmals EU-Boden betreten hat, ist gescheitert. Solange sich das die EU-Staaten nicht eingestehen und sich praktikable und menschenrechtlich verträgliche Lösungen einfallen lassen, werden wir weitere Schlagzeilen über Tod und Qualen auf der Flucht produzieren müssen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Ralf Leonhard

Ralf Leonhard Auslandskorrespondent Österreich

*1955 in Wien; † 21. Mai 2023, taz-Korrespondent für Österreich und Ungarn. Daneben freier Autor für Radio und Print. Im früheren Leben (1985-1996) taz-Korrespondent in Zentralamerika mit Einzugsgebiet von Mexiko über die Karibik bis Kolumbien und Peru. Nach Lateinamerika reiste er regelmäßig. Vom Tsunami 2004 bis zum Ende des Bürgerkriegs war er auch immer wieder in Sri Lanka. Tutor für Nicaragua am Schulungszentrum der GIZ in Bad Honnef. Autor von Studien und Projektevaluierungen in Lateinamerika und Afrika. Gelernter Jurist und Absolvent der Diplomatischen Akademie in Wien.
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