piwik no script img

Kommentar EcuadorGenug Zinsen gezahlt

Gerhard Dilger

Kommentar von

Gerhard Dilger

Ecuador hat die Zinszahlungen für Auslandschulden ausgesetzt. So profiliert sich das Land als Vorbild für die Ärmsten.

Wie können die absehbaren Folgen der Weltfinanzkrise für die Länder des Südens gemildert werden? Mit der Entscheidung, einen Teil seiner Auslandsschulden nicht zurückzuzahlen, hat Ecuador eine überzeugende Antwort gegeben - und zugleich einen bisher kaum beachteten Aspekt der Krise auf die internationale Tagesordnung gesetzt.

Über 5 Milliarden Euro hat Ecuador in den letzten 30 Jahren in den Schuldendienst gesteckt - Geld, das im Bildungs- und Gesundheitswesen oder beim Aufbau einer umweltfreundlichen Wirtschaftsweise schmerzlich gefehlt hat. Verringert haben sich die Schulden dadurch nicht, im Gegenteil: Durch immer neue Umschichtungen zu Wucherzinsen drohten sie zu einer ewigen Hypothek auf Kosten der Einwohner zu werden. In Dutzenden Entwicklungsländern, vor allem in Afrika, sieht es ähnlich aus.

Sicher, korrupte Regierungen im Süden haben zu dieser Entwicklung beigetragen - doch die größten Nutznießer des neokolonialen Weltfinanzsystems sind die Industrienationen. Seit Jahrzehnten findet nicht nur bei Waren, Dienstleistungen und qualifizierten Arbeitskräften ein Transfer von Süd nach Nord statt, sondern auch beim Geld: So flossen 2006 allein an Zins- und Tilgungszahlungen für Auslandsschulden 540 Milliarden Dollar an die Banken des Nordens, fast die Hälfte der gesamten Kapitalabflüsse aus dem Süden.

Derzeit versucht der Norden, die Schwellenländer stärker an der Steuerung der internationalen Finanzarchitektur zu beteiligen - gerade, um diese im Kern unangetastet zu lassen. Brasilien, das seine Wirtschaftspolitik eng an den Interessen der eigenen Finanz- und Agrarlobby ausrichtet, ist so ein Kandidat. Im Gegensatz zu seinen links regierten südamerikanischen Nachbarn gehört es zu den größten Verfechtern des Freihandels. Die brasilianischen Multis operieren auf der ganzen Welt nach kapitalistischer Logik - und auch sie lassen sich von staatlichen Entwicklungsbanken subventionieren. Kein Wunder also, dass sich die regierende Arbeiterpartei schon längst von ihren früheren Positionen in der Schuldenfrage verabschiedet hat und von den radikalen Plänen Ecuadors wenig wissen will.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Gerhard Dilger

Gerhard Dilger

Gerhard Dilger schreibt seit 1996 für die taz. 2008 war er Mitbegründer des latin@rama-Kollektivs, bis 2012 Südamerikakorrespondent der taz in Porto Alegre, anschließend Büroleiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung in São Paulo und Buenos Aires. Seit einigen Jahren wieder freier Journalist, u. a. für Le Monde diplomatique, Evangelischer Pressedienst, Freitag, nd, Wochenzeitung und Südwind. Bis Ende Juni unterwegs in Kolumbien.
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • F
    fritz

    Ecuador sollte Vorbild sein.

    Was wir brauchen ist eine "Zinszahlungs-Verweigerungs-Internationale"!