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Kommentar EU-Flüchtlingsverteilung Fehlende Solidarität

Eric Bonse

Kommentar von

Eric Bonse

Innenminister Thomas de Maizière drängt nicht weiter auf Quoten für die Verteilung von Flüchtlingen. Doch Abschottung allein ist keine Lösung.

S olidarität wird in der EU kleingeschrieben, wenn es um die Flüchtlings- und Asylpolitik geht. Polen und Ungarn wollen gar keine Asylbewerber aufnehmen, die meisten anderen EU-Länder erfüllen ihre Quote nicht. Selbst Deutschland hinkte lange hinter dem Plansoll hinterher.

So ist es nur konsequent, wenn Bundesinnenminister Thomas de Maizière nun die Reißleine zieht. Die Bundesregierung sei bereit, die Debatte über eine gleichmäßigere Verteilung von Flüchtlingen vorerst auszusetzen, sagte er bei einem EU-Treffen in Sofia.

Man kann ihn irgendwie verstehen. Es scheint wenig sinnvoll, über ein Thema zu reden, bei dem sich die einen taub stellen und die anderen nur so tun, als ob. Also vertagt man die leidige Quoten-Debatte, um andere wichtige Aspekte der Asylpolitik zu regeln.

Bemerkenswert ist allerdings, dass der Rückzieher ausgerechnet jetzt erfolgt – zehn Tage nach der vorläufigen Einigung auf Koa­litionsverhandlungen. Ist das mit der SPD abgesprochen? Bisher hat Parteichef Martin Schulz doch immer besonders vehement Solidarität eingefordert.

Osteuropäer sind nicht mehr allein

Und ist es nur ein taktischer Schwenk, um die Gemüter zu beruhigen – oder eine Kapitulation vor den Abschottungspolitikern? Hat vielleicht sogar Österreich den Ausschlag gegeben, wo jetzt Rechtsnationalisten an der Regierung beteiligt sind, die offen gegen Flüchtlinge hetzen?

Fest steht, dass sich mit dem Machtwechsel in Wien die Gewichte verschoben haben. Plötzlich sind die Osteuropäer nicht mehr allein. Auch der neue Kanzler Sebastian Kurz hat sich für ein Ende der Quoten eingesetzt. In Berlin hat dies offenbar Eindruck gemacht.

Es reicht jedoch nicht, die neuen Realitäten achselzuckend zur Kenntnis zu nehmen – und die Debatte auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu verschieben. Die Zeit drängt. Schon im Juni soll die seit 2015 überfällige große Reform der EU-Flüchtlingspolitik stehen.

Wenn das noch irgendwie gelingen soll – die Chancen stehen schlecht –, muss die neue Bundesregierung jetzt sagen, welche Strategie sie verfolgt. Will sie zurück zum gescheiterten System von Dublin, bei dem die Last einzig und allein auf den Ankunftsstaaten in Südeuropa liegt?

Und auch die Verweigerer aus Osteuropa und Österreich müssen sich erklären. Von Kurz & Co würde man schon gern wissen, wie sie sich Solidarität in der Asyl- und Flüchtlingspolitik ohne Quoten vorstellen. Abschottung allein, so viel muss klar sein, ist keine Lösung.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Eric Bonse

Eric Bonse EU-Korrespondent

Europäer aus dem Rheinland, EU-Experte wider Willen (es ist kompliziert...). Hat in Hamburg Politikwissenschaft studiert, ging danach als freier Journalist nach Paris und Brüssel. Eric Bonse betreibt den Blog „Lost in EUrope“ (lostineu.eu). Die besten Beiträge erscheinen auch auf seinem taz-Blog
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2 Kommentare

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  • 4G
    4845 (Profil gelöscht)

    Deutschland hat sich selbst sehr lange gegen diese sogenannte Solidarität gewehrt. Nun mit dem erhobenen Zeigefinger den Moralapostel zuspielen ist geradezu lächerlich und schlicht unglaubwürdig.

     

    " Doch Abschottung allein ist keine Lösung."

     

    Das stimmt absolut. Aber allein "Hoch die Tür, die Tor macht weit" für unkontrollierte Einreise eben auch nicht.

  • "Solidarität"? Also so etwas Esentielles wie Energieversorgung (NordStream, NS2) vorbei an den Partnern im Osten sind "nationale ökonomische Interessen" aber möchte man den Überschuss an Zuwanderung loswerden dann spricht man von "Solidarität"?

    Bisschen beliebig.