Kommentar Doping im Westen: Unter Brüdern
Dank der segensreichen Wirkung der "Sportmedizin" ist der unter Dopinggeneralverdacht gestellte Athlet etlichen Zumutungen ausgesetzt.
Natürlich war in all den Jahren der Trennung klar, dass Ostler und Westler Brüder sind. Wer hätte das je ernsthaft bestreiten wollen. Mauer hin oder her, gearbeitet wurde hüben wie drüben, geforscht und auch gedopt. Im Sport waren die dopingoptimierten Ostler besser, der Westen vermeintlich sauber. Doch seit dem Wochenende darf es als erwiesen angesehen werden, dass auch im Westen - systematisch wie im Osten - Dopingforschung betrieben wurde. Und selbstverständlich kamen die Ergebnisse der Forschung zur Anwendung.
Dass es bei den neuen Erkenntnissen um die Uniklinik Freiburg geht, kann nicht wirklich überraschen. Das Institut stand seit Jahrzehnten im Verdacht, die Spitze einer westdeutschen Dopingbewegung zu bilden. Einst geleitet vom berüchtigten Professor Keul, wurde auch Deutschlands erster Radfahrer Jan Ullrich mit durchschlagendem Erfolg von den ortsansässigen Sportmedizinern behandelt.
"Sportmedizin". Das ist ein komisches Wort. Es klingt, als wolle es mehr sein, als es wirklich ist, wie Sportpolitik, wie Sättigungsbeilage. Und wer die möglichen katastrophalen Folgen des Dopinggebrauchs betrachtet, der kommt schnell zu dem Schluss, dass sich die Medizin doch bitte schön auf ihre eigentliche Aufgabe besinnen sollte: dem kranken Menschen helfen zu gesunden. Denn die stetige Suche nach Leistungsverbesserung wird sonst sicher bald im genmanipulierten Sportler münden. Dann wäre der Sport mal wieder die Avantgarde. Wenn es um die Einschränkung von Persönlichkeitsrechten geht, ist er es längst. Dank der segensreichen Wirkung der "Sportmedizin" ist der unter Dopinggeneralverdacht gestellte Athlet etlichen Zumutungen ausgesetzt. Er muss ständig erreichbar sein und seinen Aufenthaltsort den Dopingfahndern melden. Das freut den Innenminister. Und der ist übrigens auch für den Sport zuständig.
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