Kolumne So nicht

Contentfarming im Regio

Man kann in der Bahn auf Twitter sein – aber das ist gänzlich überflüssig. Eine Bahnreise liefert genug Stoff für mehrere Kolumnen.

Ein verschwommenes Foto zeigt einen Regionalzug, der vor Pflanzen fährt

Höherer Diversity-Faktor als im ICE: Regionalzug Foto: imago/Frank Müller

Wer nicht auf Twitter ist, sitzt in der Bahn. Man kann natürlich auch in der Bahn auf Twitter sein, aber das ist gänzlich überflüssig. Die Impulsreferate von Bahnreisenden können mit den Contentfarmern der Timelines locker mithalten. Wenn es gut läuft, reicht eine Bahnreise mittlerer Länge für zwei bis drei Kolumnen, Meinungsführer und Meinungsmitläufer können die Thementhreads von Vierertischen in der Bahn für mehrwöchige Debattenreihen ausschlachten.

Entscheidend ist, dass es Gruppenreisende an Vierertischen, besser noch an zwei sich gegenüberliegenden Vierertischen gibt, die ihre Sprechlautstärke auf größtmögliche Reichweite einstellen, sie also quasi mit einem trendenden Hashtag versehen, der einen von der Seite anbrüllt.

Wer es sich aussuchen kann, sollte eine mehrstündige Regionalbahnverbindung nehmen. Der Diversity-Faktor ist wegen der teilnehmenden Milieus und sozialen Klassen wesentlich höher als im ICE. Im ICE wird viel alleine, in der Regionalbahn viel in der Gruppe gefahren.

Da ist die Ausflugsgruppe, die auf der Rückfahrt ist, drei Pärchen, ein Kind, ein einzelner Mann. Sie sind in der „Gastro“ tätig, reden voneinander und über andere, die in ihren Erzählungen vorkommen, als „Spüler“. Man erfährt, bis zum wievielten Monat von der Schwangerschaft der Frauen „nichts zu sehen war“ und dass eine der Frauen, „wenn samstags nichts im Fernsehn kommt“, um 19 Uhr schlafen geht – „Was soll ich sonst machen? Ich lese nicht, ich geh nicht aus“.

Aus Yilmaz wird „der Jillmatz“

Das kleine Kind heißt „Maus“, der einzige Vorname, den Zuhörer ansonsten erfahren, ist „Yilmaz“ bzw. wie ihn die Vierertische nennen: „Der Jillmatz“. Yilmaz ist der Einzige unter den Sprechenden, der in der Lage ist, Scherze zu machen, selbstironisch zu sein, und nicht ständig von den „Spülern“ redet und sagt: „Es kommt darauf an, das Leben zu genießen.“

Fast alles, was Yilmaz sagt, wird von einem der anderen wiederholt: „Der Jillmatz findet, das Leben muss man genießen.“ Und dann lachen sie. Die, die „Der Jillmatz“ sagen, sehen aus wie Gabi, Manni, Martina und Bernd. Indem sie Yilmaz wiederholen, wollen sie vielleicht anzeigen, dass „Der Jillmatz“, in dessen Deutsch ein leichter türkischer Akzent zu hören ist, nicht wirklich zu ihnen gehört.

Andererseits haben sie ihn ja integriert, er ist Teil ihrer Reisegruppe und darf auch „Die Maus“ mal auf den Schoß nehmen. Die, die „Der Jillmatz“ sagen, denken von sich sicher nicht, dass sie Rassisten sind. Der zuhörende Mitbahnreisende erfährt noch, dass sie alle in einem Stadtteil einer deutschen Großstadt leben, das als Problemviertel gilt, obwohl die soziale Mischung dieselbe ist wie der Durchschnitt der restlichen Stadt, die nicht Berlin ist.

Wenn ich mit dem Bahnfahren durch bin, geh ich in dieses Viertel und mach vielleicht eine Serie draus. Der Titel steht: #vonhier.

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seit 2008 Redakteurin der taz, seit 2012 taz.am Wochenende, davor Redakteurin bei „Jungle World“ und „Sport-BZ“

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