Kolumne Pressschlag

Das Ende der BRD, wie wir sie kennen

FC Bayern und BFC Dynamo haben rein gar nichts gemeinsam? Oh, doch! Außerdem: Wie der Fußball ein Land zum Einsturz bringen kann.

Thomas Müller schreit auf dem Spielfeld

Verschwindet mit seinem Team womöglich bald in eine galaktische Superduperliga: Thomas Müller Foto: ap

Es war der Anfang vom Ende. Am 28. Mai 1988 hat. Burkhard Reich am letzten Spieltag dem Berliner FC Dynamo mit seinem Tor gegen Vorwärts Frankfurt zum Meistertitel verholfen. Es war der zehnte Meistertitel in Serie für den Klub der inneren Sicherheitsorgane der DDR. Ein Jahr später begann der Zerfall der DDR.

Die Menschen hatten genug von ihrem Staat. Ein Jahr später wurde mit Dynamo Dresden zwar endlich einmal wieder ein anderer Klub Meister der DDR, doch da saßen viele DDR-Brüder längst auf gepackten Koffer, hatten ihre Pläne für den Sommer gemacht und waren zur Stelle, als die Grenze Ungarns zu Österreich anlässlich eines paneuropäischen Picknicks geöffnet wurde. Zehntausende flohen ins nichtsozialistische Ausland. Kein Jahr hat es von da an gedauert, bis die DDR, wie man sie kannte, Geschichte war, nur ein bisschen länger, bis es den ganzen Staat nicht mehr gab.

Nach dem 5:0 des FC Bayern München über Borussia Dortmund am 6. April 2019 ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass der Rekordmeister der BRD zum siebten Mal hintereinander den Titel holt. Und die Frage drängt sich auf, wie lange es sich die Bürger dieses Landes noch ansehen wollen, dass ein ums andere Jahr der gleiche Klub die Meisterschaft erringt. Ob nicht immer mehr Menschen einfach rauswollen, nichts wie weg in ein Land, in dem eine Fußballmeisterschaft noch spannend ist. Und überhaupt: was bedeutet das alles für den Fortbestand der Bundesrepublik Deutschland in ihrer heutigen Verfasstheit?

Die Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschten als das Ende der DDR, werden mitbekommen haben, dass Werder Bremen in jenem Jahr West-Meister wurde, in dem Dynamo seine zehnte Ostmeisterschaft gefeiert hat. Drei Jahre später holte der 1. FC Kaiserslautern als Aufsteiger den deutschen Meistertitel. Das war der Westen! Da schien alles möglich. Und das Tolle: der Westen war jetzt überall. Wenn nun der FC Bayern zum siebten Mal Meister werden sollte, werden sie sich wohl fragen, ob es das war, weswegen sie seinerzeit auf die Straße gegangen sind, ob es sich gelohnt hat, für das Ende der SED-Herrschaft zu demonstrieren.

Montagsdemos für die Zerschlagung des FC Bayern

Aber wohin sollen all diejenigen auswandern, die nicht länger in einem Land leben wollen, in dem schon vor dem ersten Spieltag feststeht, wer am Ende Meister wird. Nach Italien gewiss nicht. Da hat Juventus Turin jüngst das Vereinslogo geändert, damit das Trikot mal anders aussieht, denn der so genannte Scudetto, das Wappen für den amtierenden Meister, ist eh immer aufgenäht.

Auch nach Frankreich wird es niemanden ziehen, wo Katar dafür sorgt, dass eigentlich immer Paris Saint-Germain den Titel holt. Nach Spanien vielleicht. Da ist zwar die Liga spannend, aber der FC Barcelona ist gerade zum achten Mal in elf Jahren Meister geworden. England, ja, da wird mal Chelsea Meister, mal Manchester City, mal Manchester United, und sogar ein gewisses Leicester City hat es vor Kurzem mal geschafft. Wenn nach einem Brexit die Einwanderung schwieriger geworden ist, muss sich niemand wundern, wenn Deutsche über den Zaun britischer Konsulate klettern, um ihre Ausreise ins gelobte Fußballland zu erzwingen.

Beim Kampieren auf dem Gelände der Vertretungen haben die Fußballflüchtenden dann genug Zeit darüber nachzudenken, wie es wohl gekommen ist, dass der freie Wettbewerb zu ähnlichen Monopolen geführt hat wie die sportliche Kommandopolitik in den einstigen Ostblockstaaten.

Und diejenigen, die im Land geblieben sind, könnten glatt auf die Idee kommen, auf die Straße zu gehen und auf Montagsdemos die Zerschlagung des FC Bayern zu fordern. Aber vielleicht wird alles auch ganz einfach. Die Bayern verschwinden in irgendeine galaktische Superduperliga und Wetten auf den nächsten deutschen Meister werden wieder interessant.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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