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Kolumne PressschlagHammergruppe? Scheißegal!

Kolumne
von Johannes Kopp

Die Auslosung der Fußball-WM am Samstag ist diesmal ein echter Geheimtipp. Denn es handelt sich um das Turnier der Frauen.

Wartet als deutsche Bundestrainerin gespannt auf die Auslosung: Martina Voss-Tecklenburg Foto: dpa

D iesem Text wird es sicherlich nicht anders gehen als all den anderen Texten über Frauenfußball in dieser Zeitung. Seine Wichtigkeit und Notwendigkeit werden viele allein aus dem Gleichbehandlungsgrundsatz herausstreichen – ungelesen. Lesen wird ihn dennoch kaum jemand über die vierzehnte Zeile hinaus.

Insofern schnell die Botschaft vorweg: Schlimm! Am Samstag ist die Auslosung einer Fußball-Weltmeisterschaft und kaum jemand weiß es, geschweige denn interessiert es, weil es sich um das Turnier der Frauen handelt. Danke für die Aufmerksamkeit.

Die Aufregung über die mangelhafte Unterstützung des Frauenfußballs durch den DFB, der Fifa und die Medien hat zweifellos ihre Berechtigung, aber sie hat meist etwas Bigottes. Auch in dieser Zeitung würden es gewiss viele begrüßen, wenn von der Frauenfußball-WM im kommenden Jahr im selben Umfang berichtet würde wie vom Männerturnier dieses Jahr in Russland. Die Erfahrung der Vergangenheit lehrt: Ins Gespräch kommt man indes mit den Kolleginnen und Kollegen über die Spiele der Frauen-WM vergleichsweise deutlich schwieriger.

Die Fifa preist auf ihrer Website die Auslosung zur Frauenfußball-WM mit dem Kommen von Männern an: Didier Des­champs, der französische Weltmeistercoach, wird da sein. Dazu Kaká und Michael Essien.

Auch das muss man im Blick haben, wenn man die Ignoranz der anderen in Augenschein nimmt. Die Auslosung der Uefa für die EM-Qualifikation der Männer in Dublin vergangenen Samstag glich ja fast einem Staatsakt. Und zuvor nahmen etliche Zeitungen ihre Informationspflicht sehr ernst und klärten über fast alle Detailfragen auf. Inwieweit die klimatische Lage der Teilnehmer die Zusammenstellung der Gruppen betrifft und dass Spanien und Gibraltar oder Kosovo und Bosnien-Her­zegowina nicht gegeneinander antreten werden.

Am Montag war dann festzustellen, dass da immer noch ein paar Uefa-Vertreter in Dublin weilten. Per Pressemitteilung wurde der Gastgeber der Frauen-EM 2021 bekannt gegeben. Das Verfahren war denkbar einfach. England hatte sich als einziger Kandidat zur Verfügung gestellt.

Weniger Wirbel um Männerfußball

Die Fifa wiederum preist auf ihrer Website die am Samstag in Paris stattfindende Auslosung zur Frauenfußball-WM mit dem Kommen von Männerfußballprominenz an: Didier Des­champs, der französische Weltmeistercoach, wird da sein. Dazu Kaká und Michael Essien. Und dazu kommen dann auch noch Alex Scott, Aya Miyama, Carli Lloyd, ein paar der besten Weltfußballerinnen, und noch viele mehr, wie die Fifa verspricht.

Wochenendkasten 8./9. 12. 2018

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Es fehlt den großen Fußballdachverbänden nach wie vor etwas an Fantasie, um zumindest etwas gegen die immensen Schräglagen zu tun. Man hätte die Auslosung der WM in Russland im Vorjahr ja auch mit dem Kommen der Weltmeistertrainerin Jill Ellis bewerben können. Dann hätte die Trainerin des US-Teams auch mal feststellen können, dass der Männerfußball in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat, die Strukturen recht professionell sind und das Zuschauerinteresse immer größer wird. So aber blieb diese Rolle mal wieder einem Mann, dem französischen Innenverteidiger Raphaël Varane, vorbehalten.

In der DFB-Zentrale hat sich dieser Tage Martina Voss-Tecklenburg, die neue Bundestrainerin, vorgestellt. Und die anstehende WM-Auslosung in Frankreich spielte dabei eher eine untergeordnete Rolle. Es wurde nicht über mögliche Hammergruppen, Quartierfragen, mögliche Achtel- und Viertelfinalkonstellationen oder Reiseplanungen gefachsimpelt.

Stattdessen wurde über das Große und Ganze, über die Strukturen und die Nachwuchsarbeit gesprochen. Ganz unaufgeregt und vorbildhaft. Das wäre auch ein Weg der Annäherung. Weniger Wirbel um die unzähligen Nichtigkeiten des Männerfußballs.

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taz-Sportredakteur
Jahrgang 1971, bis Ende März 2014 frei journalistisch tätig. Seither fest mit dem Leibesübungen-Ressort verbunden.
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1 Kommentar

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  • Wenn man sich die Entwicklung der Zuschauerzahlen in der Frauen-Bundesliga der letzten Jahre anschaut, dann geht es mit diesem Sport eher abwärts als aufwärts. Zumindest in Deutschland. Immer weniger Zuschauer auf den Rängen.

    Mangelnde mediale Aufmerksamkeit ist sicherlich ein Aspekt. Aber sicherlich nicht das einzige Problem. In einer Zeit, in dem es von jedem Mini-Tennisturnier im tiefsten Afrika einen Livestream gibt, ist es z.B. nicht akzeptabel, dass nur ein Bruchteil der Frauen-Fußballspiele live übertragen werden.

    Daneben muss sich der Sport aber auch andere unangenehme Fragen stellen. Ist er attraktiv genug, um deutlich mehr Fans und Zuschauer anzulocken? Und damit meine ich natürlich nicht das Aussehen der Spielerinnen, sondern das Niveau der Wettbewerbe, die technischen und taktischen Fähigkeiten der Athletinnen oder das durchschnittliche Spieltempo. Alles Dinge, die mM ausbaufähig sind.