Kolumne Nullen und Einsen

Was Spione halt so machen

Die Überwachungshysterie verfolgt einen in diesen Tagen bis ans Ende der Welt. Wir sollten uns alle ein Beispiel an James Bond nehmen.

Vorsicht! In diesem Telefon könnte sich eine Wanze befinden. Bild: Ray Hearne/ZDF

50 Euro Belohnung verspricht der Aushang. „Am 26. 6. vom Parkplatz ’Nordstrand‘ startete ich meinen Quadcopter DJI Phantom in Richtung der beiden Leuchttürme von Kap Arkona. Leider kam mein Fluggerät nicht zurück und ging irgendwo im ’Gelände‘ verloren. Unter dem Quadcopter hing eine GoPro Hero 3 Kamera.“ So sieht also die Zukunft aus, „Drohne entflogen“ wird das neue „Hund/Katze entlaufen“. Nur die beiden Fotos auf dem Zettel sind nicht mitleiderregend genug. Drohnen haben keine traurigen Augen. Noch nicht.

Bei Flugdrohnen mit Kameras denkt man ganz schnell wieder an Überwachung, man kommt von dem Thema in diesen Tagen einfach nicht los, auch nicht im Rügen-Urlaub. Weil ich da mal Zeit für so was habe und ja auch nicht den ganzen Tag im „Gelände“ verbringen kann, lese ich im analogen Feedreader (= alte Zeitungen) und stolpere über ein taz-Interview, in dem die NSA als „die geheimste Behörde der Welt“ bezeichnet wird. Die geheimste! Wäre das nicht eher eine, über die nicht alle reden?

Abends schaue ich auch mal wieder Fernsehen, Zuhause geht das ja gar nicht, weil der von meinen Eltern importierte 70er-Jahre-Designfernseher, ein echter Esslinger!, sich nicht mit der digitalen Empfangstechnik verträgt. Ich weiß jetzt also, dass ich diese nachvorngelehnte, inswortfallende, obergewitzte Interviewtechnik von Markus Lanz ganz grauenvoll finde, und in Ina Müller habe ich mich ein wenig verliebt.

Zwischendurch reden bei Maybrit Illner schon wieder Menschen über den NSA-Skandal und am letzten Abend läuft „Liebesgrüße aus Moskau“. Es geht um eine Dechiffriermaschine, und als James Bond vom Flughafen abgeholt wird, verfolgt ihn ein Auto. „Wir werden beschattet, hat das einen besonderen Grund?“ – „Es sind Bulgaren, sie arbeiten für die Russen. Sie verfolgen uns, wir verfolgen sie. Das tut der Freundschaft keinen Abbruch.“

Ja, so war das damals, alles noch ein wenig entspannter. Auf eine Art verstehe ich die heutige Empörung um den NSA-Skandals ohnehin nicht so recht, meine Empörungssensoren sind aber auch extrem unterausgeprägt, das war schon immer so. Was sollen Spione denn bitte sonst machen, wenn nicht spionieren? Bloß dass sie bei Sean Connery noch kein Internet hatten, sondern bloß mit einem Periskop von unten in das russische Konsulat schauen konnten. Aber damals sagte man ja auch noch „Ich lasse meine Zigeuner für mich arbeiten“ und als Gadget gab es einen Agentenkoffer, mit dem man richtig schießen kann. Wie im Yps-Heft.

Zurück in Berlin probiere ich den //www.google.de/search?q=Anzeigenvorgaben-Manager&ie=utf-8&oe=utf-8&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a&channel=fflb&gws_rd=cr:Google-Anzeigenvorgaben-Manager aus, von dem mir Kollege Gernert erzählt hat. Da kann ich sehen, was Google glaubt, was mich interessiert, basierend auf Suchanfragen und besuchten Websites. Einiges stimmt: Katzen, Berlin, Sportnachrichten. Einiges stimmt nicht, ist aber erklärbar: Wetter, Rezepte. Und manches ist einfach auch totaler Unsinn: Saarland? Egoshooter? Kosmetikartikel? Ostasiatische Musik? Toyota???

Zu meinen Interessen zählen demnach auch „Geheimdienste und Terrorismusbekämpfung“. Man kommt von dem Thema in diesen Tagen wirklich nicht los.

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Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, zeit.de und fluter.de. Schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren.

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