Kolumne Männer: Kein Land für alte Säcke

Warum gilt es als schicklich, alternde Männer zu schmähen, weil sie altern und Männer sind? Es könnte an den Hodensäcken liegen.

Bälle in ihrer natürlichen Umgebung: einem Sack in Oberschenkelhöhe. Bild: ap

Frauen haben’s gut. Zumindest alte Frauen. Sie haben richtig gelesen. Diesen schmissigen Texteinstieg wähle ich aus gutem Grund. Denn ich habe eine neue Form der Diskriminierung gefunden, und die trifft ausschließlich Männer, alte Männer. Ich nenne sie Altersgeschlechtsdiskriminierung.

Es ist nämlich so: Nicht alle Menschen altern auf dieselbe Art. Frauen reifen im allgemeinen Sprachgebrauch nach und nach zu „alten Damen“. Männer hingegen werden bestenfalls „alte Männer“, häufig aber auch „alte Säcke“. Nur Kerle können alte Säcke werden. Das liegt den Schluss nahe, dass diese Bezeichnung etwas mit dem Geschlecht des Bezeichneten zu tun hat. Um ein alter Sack zu werden, braucht man also einen Hodensack. Das ist doch arg unfein.

Oder wäre es hierzulande kommod, eine nicht mehr junge Frau dafür zu schmähen, dass sie schon etwas länger lebt? Sicher, es gibt die Bezeichnung „alte Schachtel“, aber die klingt geradezu putzig. Mit großer Selbstverständlichkeit werden Männer auch in der Öffentlichkeit als „alte Säcke“ bezeichnet. Da klappert kein Porzellanservice beim Nachmittagstee, und kein Attaché hebt indigniert die Augenbraue.

Was aber geschieht, versieht ein Mann in kultivierter Runde eine ergrauende Dame mit dem Adjektiv „alte“, ergänzt um einen derben Ausdruck für die äußerlich sichtbaren weiblichen Geschlechtsorgane? Ist es okidoki, ein Wort zu verwenden, das so grob ist, dass selbst die Worte, die sich darauf reimen, umgangssprachlich Erbrochenes und Speichel bezeichnen? Mit breiter Brust des Meinungsinhabers stelle ich mich hin und sage: Ich glaub, eher nicht.

"Alter Sack" versus "Cougar"

Insbesondere ältere Männer, die sexuelles Interesse an jüngeren Frauen zeigen, handeln sich das Etikett „alter Sack“ ein. Früher galt Ähnliches für die Lust älterer Frauen. Das ändert sich. Begehrt heute eine ältere Frau einen jüngeren Mann, heißt das „Cougar Town – 40 ist das neue 20“ und läuft auf Sixx.

Vor einigen Wochen bezeichnete ein Kommentar auf Seite 1 dieser Zeitung den alten und den neuen Papst als „alten Sack“. Wunschgemäß beschwerten sich Leser über die „unglaublichen Tiraden“. Dabei geht diese Kritik, meiner Meinung nach, am Kern vorbei.

Jeder Papst ist qua Jobprofil ein Frauen und Homosexuelle gering schätzender Chef eines mafiös strukturierten globalen Unternehmens. Das genügt meiner Meinung nach völlig, ihn doof zu finden. Ich gehe sogar so weit, zu erklären: Ich würde nach einem Papst eher ungern dieselbe Toilette benutzen. Aber: Sein Testikelschutz ist mir schnurz, er taugt nicht zur Beleidigung.

Jemanden für seine Geschlechtszugehörigkeit zu schmähen, ist Sexismus. Es ist doch erbärmlich, Stolz oder Verachtung zu empfinden gegenüber etwas, wozu man nichts beigetragen hat. Das Geschlecht fängt man sich ja nicht durch schlechtes Karma ein oder verdient es sich durch richtige Antworten bei „Wer wird Millionär?“. Und jemandem sein Alter zum Vorwurf zu machen, ist schlicht dumm.

Halten wir es mit Hodensäcken doch wie mit Gesichtern. Da heißt es ja, jede Falte erzähle eine Geschichte.

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Journalist & Buchautor. Von 2005 bis 2014 war er Politik-Redakteur und Kolumnist der taz. Sein autobiographisches Sachbuch "Das Erbe der Kriegsenkel - Was das Schweigen der Eltern mit uns macht" wurde 2016 zum Bestseller. Ende 2019 veröffentlichte er den Nachfolger "Das Opfer ist der neue Held - Warum es heute Macht verleiht, sich machtlos zu geben".

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