Kolumne Liebeserklärung

Von Wichserern und Wankerern

Der Ex-Bürgermeister von London hat mit einem Schmäh-Limerick über Erdoğan einen Preis gewonnen. Natürlich geht es um eine Ziege.

Ein Mann im Anzug blick in die Kamera und winkt

Beweist nicht nur beim Thema Brexit eine große Klappe: Trump-Klon Boris Johnson Foto: imago/images

Ein Achteltürke hat den Jan-Böhmermann-Solidaritätspreis in Großbritannien gewonnen. Die Teilnehmer mussten ein beleidigendes Erdoğan-Gedicht verfassen. Sieger wurde Londons Exbürgermeister Boris Johnson, dessen Urgroßvater Türke war.

Preisrichter Douglas Murray sagte: „Wir brauchen keinen Richter und erst recht keinen deutschen Richter, der uns darüber instruiert, was wir lustig finden dürfen.“ Natürlich geht es in dem Limerick um eine Ziege.

Grob übersetzt lautet das poetische Kleinod so: „Da war ein junger Typ aus Ankara, der ein toller Wichserer[!] war, bis er seinen wilden Hafer mithilfe einer Ziege säte, aber er hat sich nicht mal bei ihr bedankt.“

Johnson hat gegenüber Böhmermann freilich den Vorteil, dass er Unterhausabgeordneter ist und von Großbritannien nicht an die Türkei ausgeliefert werden darf, sosehr David Cameron seinen Widersacher auch loswerden möchte. Im Gegensatz zum Premierminister ist der Trump-Klon, der genauso verblondet ist wie sein Überseependant, für den Brexit: Die EU wolle ähnlich wie Adolf Hitler den europäischen Kontinent dominieren, hat Johnson recherchiert.

Der Erdoğan-Gedicht-Wettbewerb war vom Spectator ausgeschrieben worden. Es gab Tausende Einsendungen. Dass Johnson früher Chefredakteur der Zeitschrift war, hat die Entscheidung der Jury nicht beeinflusst. In England geht es schließlich mit rechten Dingen zu – im Gegensatz zur Türkei, das im Englischen Turkey heißt wie das Geflügel, das der Engländer zu Weihnachten verspeist.

In Deutschland hat das Gedicht mehr Aufsehen erregt als in Großbritannien. Beherzt präsentierte es die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf ihrer Website, solange es „noch in voller Länge legal zitierbar“ sei. Plötzlich verließ das Blatt aber der Mut, und man zensierte sich vorsichtshalber selbst: „w**kerer“ heißt es bei der FAZ. Eine Sternstunde der freien Meinungsäußerung. Dabei gibt es „wankerer“ gar nicht, aber es musste sich auf Ankara reimen, sonst wäre der Limerick hinüber gewesen.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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