Kolumne Gefühlte Temperatur

Ein Mann für die Sonne

Klimaschädlich und sexistisch zugleich: Frau Erneuerbare Energien und Herr Erdgas treffen sich in einer absurden Shell-Werbung.

Die Sonne geht auf in Niedersachsen, Landschaft mit Kraftwerken aus fossiler und erneuerbarer Energie

Scheint auf Kohlekraftwerk wie Windkrafträder gleichermaßen: Die Sonne. Foto: dpa

Frauen ohne Mann fühlen sich „einsam“, sie sind „unzuverlässig“ und „launisch“. Darum brauchen sie einen Mann an ihrer Seite, der „konstant und verlässlich“ ist.

Was nach dem Frauenbild der Zentrumspartei im deutschen Kaiserreich klingt, stammt aus einem aktuellen Werbespot des Ölkonzerns Shell. Die unzuverlässige Frau verkörpert darin erneuerbare Energien; sie ist nur happy, wenn die Sonne scheint oder der Wind bläst. Doch zum Glück findet sie einen zuverlässigen Mann: „Dann traf sie Erdgas. Er war sauberer als die meisten”, heißt es in der skurrilen Biedermeierromanze in Schwarz-Weiß aus Shells PR-Abteilung.

Die beiden sitzen in einem französischen Café. „Ich kann dich lieben, wenn die Sonne hinter den Wolken verschwindet und der Wind nicht mehr bläst”, sagt Erdgas. Danach laufen beide glücklich durch den Park.

Nur ein Mann macht Frauen glücklich. Nur Erdgas macht erneuerbare Energien funktionsfähig. So einfach ist das. Shell hat offenbar große Ambitionen, nicht nur klimaschädlich zu sein, sondern auch sexistisch.

Am Ende fragt sie: „Wirst du auch in den nächsten Jahren noch da sein?“ Er: „Ja.“ Sie: „Wie lange wird es andauern?“ Mr. Erdgas antwortet: „Viel länger als du denkst.“ Am Ende küssen sich die beiden.

Der Erde droht der Hitzekollaps. Deshalb wollen die Staatschefs der Welt Anfang Dezember in Paris einen globalen Klimaschutz-Vertrag vereinbaren. Die taz berichtete vom 28. November bis zum 14. Dezember 2015 täglich auf vier Seiten in der Zeitung und hier auf taz.de.

Shell und die Öllobby sind wie ein Macho, der verzweifelt versucht, sein veraltetes Frauenbild weiterhin salonfähig zu halten. Die Frage ist nicht, ob das Zeitalter der fossilen Energieträger zu Ende geht, sondern wann. Mit Werbespots wie diesem versuchen Ölkonzerne wie Shell ihr aus der Zeit gefallenes Geschäftsmodell am Leben zu halten.

Dass Erneuerbare nicht konstant einspeisen, ist übrigens kein Argument gegen 100 Prozent erneuerbare Energien. Alessandro Volta hat die Batterie schließlich bereits um 1800 erfunden. Erneuerbare Energien sind damit ebenso wenig abhängig von fossilen Energieträgern wie Frauen von Männern.

Und auf Dauer kann die Beziehung ohnehin nicht gutgehen. Denn wer sich Shell ansieht, weiß, dass Mr. Erdgas viel lieber mit seinen Kumpels Kohle und Erdöl abhängt als mit erneuerbaren Energien.

Die NGO Observatório do Clima hat offenbar ein anderes Frauenbild: In einem Antwortvideo geht die Beziehung mit Herrn Erdgas nicht gut und Erneuerbaren Energien werden selbstständig.

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