Kolumne Die eine Frage

Es fährt ein Wort nach Nirgendwo

Muss die Linke MDMA einwerfen und sich dann neu erfinden? Diesem imaginären Bündnis der Guten hilft auch kein Kräuterzucker.

Eine Linksabiegerampel steht auf Grün

Links herum. Aber was ist links und was, vor allem, ist die Linke? Foto: dpa

Eine extrem gutaussehende Frau mit einem interessanten Schleier in den Augen beugte sich zu mir und flüsterte: „Peter!“ Ich denke, das ist ein Supereinstieg für eine Weihnachtsfeierstory, und zwar für sämtliche Geschlechter und Entwürfe. Da will man wissen, wie es weitergeht. Und damit sind wir beim Problem, denn als Nächstes sagte sie: „Die Linke muss!“

Ich bin der Erste, der für eine Repolitisierung der Gesprächskultur eintritt. Nicht immer nur das Gejammere über den schlechten Service und die besseren Kollegen. Aber das kam mir jetzt ungelegen.

Ich sagte: „Welche, äh, Linke?“ Sie seufzte begeistert: „dieee Linke.“ Ach, die.

Den Begriff hatte ich früher oft bei Kreuzberger Partys gehört. Vor allem, bevor die PDS das Wort kaperte. Dieee Linke waren damals wir.

Genscher. Westerwelle. Scheel. Drei ehemalige FDP-Außenminister sind 2016 gestorben. Ein vierter, Klaus Kinkel, redet über den Tod und seine Partei. Das Gespräch lesen Sie in der taz.am Wochenende vom 31. Dezember, in der wir auf die Toten des Jahres zurückblicken, darunter Zaha Hadid, Jutta Limbach, Muhammed Ali und Fidel Castro. Außerdem: ein Comic erzählt die Geschichte von Mohamad Waseem Maaz, der in Aleppo als Kinderarzt Leben rettete. Und: Schon über 16 Jahre arbeitet David Brighton als David-Bowie-Double. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Erst sagte man stundenlang: Dieee Linke muss. Globale Gerechtigkeit schaffen, den Kapitalismus überwinden, für Menschen- und Tierrechte, Gleichberechtigung, sexuelle Liberalisierung und radikalen Schutz vor Überwachung sorgen. Ab 1 Uhr morgens wurden Castro, Chàvez, Extraktivismus, linke Homophobie, Frauendiskriminierung, Menschenrechtsverletzungen und antifaschistische Schutzbespitzelungen verteidigt. Um 4 Uhr seufzten dann alle, dass dieee Linke in der Krise sei. Das waren dann aber nicht mehr wir, sondern andere.

„Linke-Krise-eben!“, rief die extrem gutaussehende Frau. Ihre Eltern waren in den 70ern beim VSGS (Verbeamtete Studienräte gegen den Staat) am Untergrund vorbeigeschrammt, entsprechend kritisch war sie in ihrem Einfamilienhaus aufgewachsen. Und geblieben. Wegen dieser linken Krise gebe es die Notwendigkeit eines großen Kongresses, sagte sie. Auf dem dieee Linke geschlossen MDMA einwerfen müsse und sich dann neu erfinden.

Ob ich noch etwas MDMA für sie übrig hätte.

Während ich in meinen Taschen kramte, überlegte ich, was das Wort dieee Linke gemeint hatte. Ein imaginäres Bündnis der Guten, klar. Für die einen reichte es von der bürgerlichen Intelligenz bis zu den Arbeitern. Für andere war es gleichbedeutend mit der SPD. Für wieder andere das Gegenteil von SPD.

Als Schröder und Fischer 1998 eine rot-grüne Bundesregierung bildeten, mochte man den Eindruck haben, Sozialdemokraten, Sozialökologen und Vertreter der identitätspolitischen Liberalisierung hätten ein progressives Mehrheitsbündnis geschlossen. Aber da kam auch schon dieee Linke und sagte, dass das alles überhaupt nicht links sei. Sie meinten es anders, aber sie hatten recht. Das Konzept von dieee Linke gab es immer nur als Opposition gegen eine miese Mehrheit.

Ja, aber wäre nicht Rot-Grün-Rot dieee Linke? Machen wir den Links-Test: Ist pro Putin links oder kontra Putin? Ist pro EU links oder kontra EU? Ist es links, europäische Entscheidungen ins Nationale zurückzuverlagern? Ist erneuerbare Energie links oder Verteidigung von Kohle? Internationaler Handel, Atom, Green New Deal? Und wenn es richtig links wäre, wie Corbyn beim Brexit lavierte, dann könnten überzeugte Europäer niemals links sein. Tja.

Ich flüsterte der extrem gutaussehenden Frau meinen Leitsatz für 2017 ins Ohr. Er ist von dem Frankfurter Europäer Daniel Cohn-Bendit, der im 20. Jahrhundert 10 Millionen Mal „dieee Linke“ beschworen hat. Heute sagt er: „Wenn man die Linke sagt, ist man nicht positioniert, sondern im Nirgendwo.“ Da helfen auch keine Pillen.

Das allein hätte den Abend nicht versaut. Aber die Durchsuchung meiner Taschen ergab, dass ich kein MDMA hatte und auch nicht wusste, was das war. Ich hatte nur Kräuterzucker. Das wollte die Frau auf keinen Fall einwerfen.

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Chefreporter der taz, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). In seinem neuesten Buch „Autorität ist, wenn die Kinder durchgreifen“ (Ludwig) erzählt er das Drama der modernen Familie als Komödie. Sein Bruder ist der „Ökosex“-Kolumnist und -Rock'n'Roller Martin Unfried

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