Kolumne Die eine Frage

Du bist der Killer

Fernseher an, drei Stunden Lebenszeit weggucken – OK. Nur sollte man dazu stehen und nicht ARD und ZDF für sein tristes Leben verantwortlich machen.

Und überall läuft der gleiche Mist... Bild: dpa

Als ich nach längerer Abwesenheit in Berlin den Fernseher einschaltete, sah ich Sonja Zietlow, Wigald Boning, Elton, Ulla Kock am Brink, Wayne Carpendale, Barbara Schöneberger, Alice Schwarzer. Und eine Pornoschauspielerin. Alle in öffentlich-rechtlichen Gesprächsrunden. Da hätte ich doch sofort dramatisch ausrufen müssen: Ist das noch unser Fernsehen? Ich aber dachte: so what.

Wie konnte es so weit kommen?

Es begann so: Wir kamen in dieses kalifornische Haus und sahen das Fernsehgerät. Es riesig zu nennen wäre schwer untertrieben. Wir also sofort: Na, die haben es nötig. Je größer der Kasten, desto kleiner der intellektuelle Radius, das weiß jeder.

Aber sie hatten es gar nicht nötig. Sie hatten Netflix. Großes Kino.

Mit Netflix kann man sich Filme und Serien nach Haus streamen. Für 7,99 Dollar im Monat. Netflix produziert sogar eigene Serien. „House of Cards“ mit Kevin Spacey hat gerade neun Emmy-Nominierungen bekommen. „Orange is The New Black“ gilt als noch besser. Jedenfalls genossen wir diese Gegenwartskultur plötzlich nicht mehr nach dem Motto: Was kommt? Die Frage war: Was wollen wir sehen?

Das Titelgespräch mit dem Philosophen Julian Nida-Rümelin über Thomas de Maizière, Rücktritte und Schattenbeamte lesen Sie in der taz.am wochenende vom 27./28. Juli 2013. Darin außerdem: Das Leben von Carlos Rodolfo d’Elia änderte sich, als er seine vermeintliche Mutter in Handschellen fand. Und: Wie Heckler & Koch in den USA Geschäfte macht. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Es gibt selbstverständlich Menschen, die längst eigene Wege des Konsumierens von bewegten Bildern gehen. Jüngere sowieso. Aber die gelebte Mehrheitskultur in Deutschland hat sich seit den 50ern nicht verändert: Irgendwann setzt man sich vor den Fernseher und schaut mal. Das am wenigsten Störende lässt man dann laufen. Ich am Ende doch ’nen alten „Tatort“.

Man sieht nicht fern, um etwas zu sehen, sondern um zu fernsehen. Also, um nichts sehen zu müssen. Vermutlich gilt das auch für den Konsum der Nachrichtenformate. Fernsehen ist eine „time killing machine“, wie Anke Engelke diese Woche in der FAZ sagt. Aber der Killer ist nicht das Gerät, sondern immer der, der guckt.

Daraus folgt? Man kann jederzeit sagen: Alles ist so mühsam, ich nehme abends, was im Fernsehen kommt, und schaue drei Stunden Lebenszeit weg. Nur sollte man dazu stehen und nicht ARD und ZDF für sein tristes Leben verantwortlich machen. Klar, den neuen Dokumentarfilm über Angela Davis hatten weder Netflix noch unser Videoladen. Und ich wünsche mir auch Gesprächsrunden mit Menschen, die neue Gedanken haben und neue Geschichten erzählen können. Als moderner Bürger oder gar moderner Linker hat der Mensch selbstverständlich ein Interesse, dass öffentliche Gelder dem Gemeinwesen möglichst Gutes bringen. Aber da wir Gott sei Dank in einer Demokratie leben, kann ja wohl keine humanistische Wissenselite entscheiden, was gut ist. (Sonst hätten wir auch eine echte Energiewende.)

Ich kann mich jedenfalls in diesem Bereich getrost individuell aktivieren, ohne die Solidargemeinschaft zu verraten, und mir meinen eigenen Mix bewegter Bilder zusammenstellen, inklusive Frau Engelke, Sonntags-„Tatort“ und – na ja – dem „Aktuellen Sportstudio“. Wenn ich den Arsch hochkriege, heißt das.

Die erste und einzige Frage, die man sich beim Reinstarren stellen muss, lautet jedenfalls nicht: Ist das noch unser Fernsehen? Sondern: Bin das noch ich?

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Chefreporter der taz, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). In seinem neuesten Buch „Autorität ist, wenn die Kinder durchgreifen“ (Ludwig) erzählt er das Drama der modernen Familie als Komödie. Sein Bruder ist der „Ökosex“-Kolumnist und -Rock'n'Roller Martin Unfried

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