Kolumne Die Couchreporter

Die richtige Serie? Stimmungssache!

Kaum vorzustellen, dass man sich als Seriensüchtige früher die Laune vom Angebot diktieren ließ. Heute weiß man: Jede Laune hat ihre eigene Serie.

Ärzte und Krankenschwestern in historischer Kleidung stehen um einen Operationstisch, auf dem ein Patient liegt

„The Knick“ geht nur, wenn es dunkelt, der Magen von passendem Inhalt beruhigt ist und der Wahnsinn in der Ecke lauert Foto: Home Box Office

Wie die Stimmung ist? Ich bin in „Suits“-mood. Bedeutet: Emotional erreichbar, filmästhetisch anspruchslos, intellektuell gedämpft, Oberflächenreizen gegenüber aufgeschlossen. Anwälten in eng geschnittenen Anzughosen dabei zuzuschauen, wie sie als Rechtsfälle getarnte Familienprobleme lösen, passt mir hervorragend in den Kram.

Suits“ kann ich nicht immer gucken – manchmal geht mir das ewige Durch-die-Kanzleigänge-Wandern der ProtagonistInnen auf den Senkel. Die eindeutig gemalten Konflikte – Harvey sucht nach seinen Gefühlen, Mike nach seinem Rückgrat, Donna nach Harvey und Jessica nach Erfolg – sind jedoch das Richtige für einen verkaterten Abend.

Jede Stimmung bedarf eben einer bestimmten Serie. Undenkbar, an einem stressigen hellen Morgen zwischendurch mal eine Folge „The Knick“ einzuschieben – „The Knick“ darf nur geguckt werden, wenn es dunkelt, der Magen durch passenden Inhalt beruhigt ist und der Wahnsinn in der Ecke lauert. Denn „The Knick“ ist düster und irre, und ungefrühstückt finde ich die Bilder von den blutigen Kaiserschnitten und Abszessen zuweilen nur medioker bekömmlich. Zudem befürchte ich, dass Thackerys inbrünstiger Drogenkonsum mich in einer schwachen Minute (morgens!) auf die schiefe Bahn ziehen könnte.

Kaum vorzustellen, dass man sich als Seriensüchtige früher tatsächlich die Stimmung vom Angebot diktieren ließ. Glücklicherweise lässt sich das Binging jetzt individualisieren. Das tolle, unterschätzte „Secret Diary of a Call Girl“ passt zum Beispiel spitze in die aufgekratzte Geschäftigkeit vor einen klassischen Ausgehabend, genau wie (immer besser werdend, je länger sie her ist): „Sex and the City“.

Im Beziehungsuniversum aufgerüstet

Love“ könnte man einwenden, diese teils schick ausgedachte, gallige Serie über die Liebesschwierigkeiten kalifornischer 30+-Loser, müsste diese Funktion doch auch erfüllen. Aber in „Love“-Laune bin ich selten. Kiffe wohl zu wenig.

Bei komplizierten persönlichen Problemen mit melancholischer Grundatmosphäre hat mir stets der Klassiker geholfen, „Six Feet Under“. „Man macht sich richtig Sorgen um Nate“, brachte es eine Freundin einst auf den Punkt. (Und ich mache mir tendenziell eh lieber Sorgen um Nate als um echte Menschen.)

Für Beziehungskrisen hat das Serienuniversum zwischenzeitlich aufgerüstet – egal ob emotionale, sexuelle oder finanzielle Schwierigkeiten, es wird sich eine Serie finden, in der jemand seine Bindungsunfähigkeit überwindet, seine Familie aus der Armut rettet oder endlich sein Geschlecht angleichen darf.

Serien wie „Peaky Blinders“ und „Vikings“ sind speziell – dramaturgisch oft nicht komplett überzeugend, aber visuell der Knaller. Man muss eben Lust auf den Staub auf Birminghams Straßen haben, und auf das Blut aus den Schädeln der Feinde.

Hab ich nur, wenn ich lange mit niemandem spreche. Für „The Night Manager“, John Le Carré inszeniert von Susanne Bier, fehlte mir allerdings komplett die Stimmung: Wann soll man Lust haben, spießiges Agentenzeug zu gucken, in dem Männer noch richtige Männer, Frauen noch dämliche Frauen, und die Bösen noch finstere „Muhaha!!“-Böse sind? In so einer Laune bin ich nie.

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