Kolumne Das Tuch: Mesut Özil ist deutsch, ich bin es nicht
Egal, was ich tue - die Biodeutschen haben mir klar gemacht: Ich werde nie in dieses Land gehören.
I ch habe keinen Bock. Die ganze Debatte um Deutschsein, Integration und Leitkultur ist mir absolut zuwider.
Ich will nicht wissen, wann und unter welchen Umständen ich als Mensch mit nichtdeutscher Abstammung und nichtchristlicher Religion ein Du-bist-deutsch-Siegel bekommen könnte. Das sind Scheindebatten. Die Realität sieht so aus: Mesut Özil kann - wie übrigens viele seiner biodeutschen Kollegen auch - keinen grammatikalisch korrekten deutschen Satz hervorbringen, ich hingegen schon. Trotzdem gilt er als integriert und deutsch, ich aber nicht.
Großartig. Ich habe also einen deutschen Pass, engagiere mich hier, spreche die Sprache und gehe wählen. Aber das reicht anscheinend nicht. Leider kann ich kein Fußball. Und ich bin auch nicht wie Necla Kelek mit einem gewissen Ex-Bundesbanker befreundet, um bei seiner Buchpromotion als Möchtegern-Deutsche seine Intelligenz-These quasi als lebendes Beispiel für minderbemittelte Muslime zu bestätigen. Um dann trotzdem nicht deutsch zu sein.
Kübra Yücel, 22, lebt in Hamburg und studiert dort Politikwissenschaften. Daneben schreibt sie ihren Blog "Ein Fremdwörterbuch".
Aber davon mal abgesehen: Ich will gar nicht deutsch sein. Ich will auch nicht türkisch sein. Denn Nationalität ist ein Denkkonzept, das ich nicht anwenden will. Was würde das Deutschsein über mich aussagen? Nichts. Eine Zuschreibung, die mich einengt. Gegen die ich mich wehre.
Was mich ausmacht, das sind meine Interessen und Werte. Auf einer Party würde ich mich eher mit einem linken Italiener oder einer koreanischen Künstlerin unterhalten als mit einer türkischen Kemalistin oder einem deutschen Handballer.
Trotzdem werde ich regelmäßig gedrängt. Man will, dass ich mich entscheide. Deutsch oder türkisch? Sag schon! Ich WILL aber nicht. Verdammt noch mal.
Das war nicht immer so. Früher sagte ich mit größter Selbstverständlichkeit "Ich bin deutsch." Bis mir ein richtiger Deutscher an der Uni verklickerte: "Kübra, du bist keine Deutsche." - Warum? - "Ja, weil du das Kopftuch trägst." Zustimmung durch umstehende andere richtige Deutsche. Aha. So ist das also. Wie eine Ohrfeige war das. Es blieb nicht die einzige. Und mir wurde klar: Egal, was ich tue, ich werde nie deutsch sein.
Ich staune, wenn die meisten meiner muslimischen Freunde selbstbewusst sagen: Ich bin deutsch. Offensiv gehen sie mit dieser Identität um und ecken damit an. Bewusst.
Sie sind in diesem Land geboren und sozialisiert, arbeiten hier, zahlen Steuern. Sie fühlen sich hier heimisch und fordern Zugehörigkeit ein - nicht nur als Mitbürger, sondern auch als Mitdeutsche. Auf die Frage, woher sie kommen, wollen sie bloß mit Aachen, Hamburg oder Donaueschingen antworten können.
Sie wollen die Bedeutungshoheit über das Deutschsein nicht den Biodeutschen überlassen.
Selbstverständlich ist Wulff auch ihr Bundespräsident. Sie wollen, dass man es ausspricht. Sie tun es. Er tut es. Und plötzlich wird eine Selbstverständlichkeit so ad absurdum diskutiert.
Ich bewundere meine Freunde für ihr selbstbewusstes Einstehen für ihre deutsche Identität. Mir bleibt das fremd. Vielleicht nur, bis ich innerlich ein wenig härter werde. Vielleicht aber auch für immer.
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