Koalitionsbildung in Berlin : Lebenserfahrung einfach wegzuwischen, ist falsch
Die Mahnungen von Älteren aus SPD und CDU vor einem Bündnis mit der Linkspartei wurden gern belächelt, etwa als „Muppet-Show“. Das war und ist unfair.
Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
E rst die zwei Dutzend frühere SPD-Landesvorsitzende, sozialdemokratische Senatoren und Staatssekretäre. Dann der langjährige Grünen-Vordenker Ralf Fücks, vormals ebenfalls Landesminister. Und schließlich die über 80 meist prominenten Köpfe aus SPD, Grünen und CDU, die in ihrem „Berliner Appell für Verantwortung“ vor einer von der Linkspartei angeführten Landesregierung warnten.
Ihnen gemeinsam ist: Es sind vor allem Ehemalige und Ältere, die sich da zu Wort meldeten. Jemand wie Noch-Bezirksbürgermeister Martin Hikel mit erst 40 Jahren ist in dieser Reihe eher die Ausnahme – wobei auch ihm 8 Amtsjahre im Neuköllner Rathaus reichlich Seniorität geben.
Gebracht hat es bislang nichts. Donnerstagmittag präsentierten Linkspartei, Grüne und SPD zwei Vereinbarungen zum Umgang mit Antisemitismus und organisierter Kriminalität. Von „Clan-Kriminalität“, um die es in den Debatten der vergangenen drei Wochen ging und von der etwa Hikel explizit spricht, ist nicht die Rede.
Nun ist es ja auch nicht so, dass eine Mahnung Anspruch darauf hat, nicht nur gehört, sondern auch beherzigt zu werden – egal ob sie von Älteren oder Jüngeren ausgeht. Wenn die aktuell in Berlin bei Grünen und SPD Verantwortlichen zu dem Schluss kommen, die Dinge anders zu sehen, ist das ihre freie Entscheidung.
Auch Frauen beim „Berliner Appell“
Was hingegen in den vergangenen Wochen übel aufstoßen konnte, war der Umgang mit denen, die diese Papiere unterzeichnet hatten. Von einer „Muppet-Show“ war schon mal zu hören, auch in Journalistenkreisen, offenbar in Anlehnung an zwei Puppen, die ältere Männer darstellen, die von einer Loge aus das Geschehen kommentieren. Anderswo war zu hören, da seien „Gerontokraten“ am Werk.
Wieso soll es ausgerechnet das Alter sein, das die Mahnung der Kritiker abwertet? Was dort mitzuschwingen scheint: eine grundsätzliche Abneigung gegen das Wirken alter weißer Männer. Dabei wandten sich durchaus auch Frauen gegen ein Zusammengehen mit der Linkspartei. Im „Berliner Appell“ sind das etwa Marianne Birthler, die frühere Grünen-Landesministerin und Ex-Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, oder Ex-Bundesministerin Christine Bergmann von der SPD.
Dinge gut beurteilen zu können, speist sich aus mehreren Quellen: profunder Kenntnis aktueller Umstände, einem inneren Kompass – aber eben auch Lebenserfahrung. Das soll nicht heißen, dass jeder Ältere vor Weisheit nur so birst. Als Gegenbeispiel lässt sich anführen, dass nicht jeder Alterspräsident eines Landtags – das zufällig älteste Mitglied, das die konstituierende erste Sitzung leitet – einem Parlament zur Ehre gereicht hat.
Grundsätzlich aber muss da etwas dran sein mit der Lebenserfahrung. Im antiken Sparta schon bildete ein Ältestenrat, die Gerusia, eine von drei Säulen des Staatswesens. Mindestens 60 Jahre musste alt sein, wer dort zum Mitglied gewählt werden wollte. Anderswo gab und gibt es Dorf- oder Stammesälteste.
Wertschätzung im Grundgesetz
Wer Älteren so viel Macht zumisst, kann damit nicht auf Dauer ganz schlechte Erfahrungen gemacht haben. Noch heute findet sich im Grundgesetz eine Wertschätzung einer gewissen Lebenserfahrung. Artikel 54 schreibt dort vor, dass Bundespräsident nur werden kann, wer „das vierzigste Lebensjahr vollendet hat“. Das ist auch gut so – schon allein als Zeichen.
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