Klitoris in Lehrbüchern: Größer, als du denkst

Die anatomisch korrekte Abbildung der Klitoris schafft es nur in selten in Schulbücher. Eine feministische Initiative will das in Frankreich ändern.

Schulbuchzeichnung einer Klitoris

8 bis 10 cm! Foto: Cornelsen Verlag (Ausschnitt)

Wie ein Penis aussieht, wissen alle. Aber die Klitoris? Eine Studie der französischen Sexologin Annie Sautivet von 2009 zeigt, dass 85 Prozent der Mädchen unter 15 Jahren in Frankreich nicht wissen, wie eine Klitoris aussieht und wozu sie dient; jedes vierte Mädchen unter 15 Jahren weiß überhaupt nicht, dass sie eine Klitoris hat. Kein Wunder – in vielen französischen Biologiebüchern wird die Klitoris gar nicht abgebildet, sondern nur der Kitzler, der externe Teil des Organs.

Kinder und Jugendliche lernen, wie Babys gemacht werden, aber nicht, welches Organ bei der Frau für sexuelle Befriedigung verantwortlich ist. „Da sie nicht der Reproduktion dient, verhalten wir uns so, als gäbe es sie nicht“, meint Julia Pietri, feministische Autorin, Aktivistin und Gründerin des Instagram-Accounts @gangduclito, der Klitoris-Gang. Vollständig abgebildet ist die Klitoris nur in einem der acht zugelassenen Schulbücher des Biologieunterrichts für die siebte Klasse in Frankreich. Von den drei Verlagen, die in Deutschland für das gesamte Bundesgebiet Bücher herausgeben, wird die Klitoris in ihrer Gesamtheit nur in einem der Schulbücher von Cornelsen für die 8. Klasse gezeigt.

In Frankreich sorgte Julia Pietri dafür, dass sich dieser Umstand ändert. Pünktlich zum Weltfrauenkampftag am 8. März 2019 startete sie eine Petition, zusammen mit feministischen Verbänden, die Frauen unterstützen oder für die Abschaffung der Genitalverstümmelung kämpfen, dem „Atelier pour un féminisme populaire“ und der „Groupe de femmes pour l’abolition des mutilations sexuelles féminines“. Sie fordern vom Bildungsministerium, dass die Klitoris in den französischen Schulbüchern korrekt abgebildet wird. Bis März 2020 unterzeichneten fast 75.000 Menschen ihren Aufruf.

Doch das Ministerium berief sich in seiner Antwort auf die Petition auf die „redaktionelle Freiheit“ der Schulbuchverlage: Es hätte weder die Aufgabe noch das Recht, die Inhalte der Lehrbücher den Herausgebern vorzuschreiben. Es fordert das Kollektiv dazu auf, sich selbst mit dieser Problematik an die Verleger zu richten.

Niemand fühlt sich verantwortlich

Frankreich ist ein Zentralstaat. Alle Regionen haben denselben Lehrplan. Das Bildungsministerium bereitet obligatorische Themenbereiche und Schlüsselwörter vor, die in den Lehrbüchern behandelt werden müssen. Den Verlegern ist die Gestaltung der Schulbücher in Form und Inhalt überlassen, solange sie sich an die prinzipiellen Vorgaben halten. „Die Regierung behauptet, sie könne nichts tun, aber da lügt sie uns an“, sagt Pietri, „wären die Schulprogramme expliziter, würden alle Verlage die Klitoris richtig abbilden. Sie könnten sehr wohl das Schlüsselwort ‚Klitoris‘ in die Liste der obligatorischen Inhalte einfügen.“ So wären die Verlage dazu verpflichtet, das Thema zu behandeln.

Béatrice Salviat, Biologielehrerin und Schulbuchautorin

„Durch eine realitätskonforme Abbildung der Klitoris hoffen wir, dass Mädchen ein besseres Bild von sich selbst bekommen“

Die Haltung der Regierung von Emmanuel Macron sei inkohärent mit dem politischen Willen, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern abzuschaffen. „Mit der Abbildung der Klitoris in Lehrbüchern würden wir eine Veränderung bewirken: weg von der symbolischen Repräsentation eines passiven, dominierten Geschlechts und eines aktiven, dominanten Geschlechts“, sagt Petri. Die Lehre sei also ein wichtiges Mittel gegen die Diskriminierung von Frauen sowie die Gewalt gegen Frauen. „Und außerdem: Egal ob Klitoris oder nicht, wenn etwas Falsches in den Schulbüchern steht, muss es korrigiert werden“.

Magnard ist der einzige Verlag, der in Frankreich bereits seit 2017 die gesamte Klitoris in seinem Biologiebuch druckt. Béatrice Salviat ist Biologielehrerin und Co-Autorin des Buchs. Es sei eine bewusste Entscheidung gewesen, nicht nur den Kitzler zu zeigen. „Durch eine realitätskonforme Abbildung der Klitoris hoffen wir, dass Mädchen ein besseres Bild von sich selbst bekommen“, sagt Salviat. „Wir müssen mit der Angewohnheit brechen, nur den externen Teil der Klitoris abzubilden.“ Keiner der sieben anderen Verlage reagierte auf die Anfragen der taz.

In Deutschland ist die öffentliche Diskussion über das Thema vergleichsweise gering. Keine Petitionen, keine Studien, die die Abbildung der Klitoris in Schulbüchern untersuchen. Das liegt vermutlich daran, dass Bildung im Föderalstaat eine Landessache ist und in fast jedem Bundesland unterschiedliche Schulbücher zugelassen werden.

80 verschiedene Verlage

Die Kultusminister-Konferenz verfasst aber Empfehlungen für die Bildungskommissionen der Länder. Auf Grundlage dieser Empfehlungen erstellen die Länder Richtlinien für die Erstellung der Lehrpläne. Es gibt demnach keinen bundesweit verpflichtenden Lehrplan, der vorgibt, was in den Schulbüchern und im Unterricht wie behandelt werden muss. Schulbuchgestaltung und die Erstellung von Unterrichtsmaterialien sind den Verlagen überlassen, ganz wie im französischen Nachbarland.

Bundesweit gibt es etwa 80 Verlage, die Schulbücher herausgeben, zehnmal mehr als in Frankreich. Davon führen große Verlage wie Klett, Cornelsen und Westermann Biologiewerke in ganz Deutschland. Tatsächlich ähneln sich die Abbildungen der weiblichen Geschlechtsorgane in den unterschiedlichen Werken für die verschiedenen Bundesländer, da nicht für jedes Bundesland neue Grafiken/Abbildungen erstellt werden.

Außer in dem Band „Fokus Biologie Bayern 8“ des Cornelsen Verlags wird in keinem der Schulbücher die Klitoris in ihrer Gesamtheit abgebildet. Es wird lediglich der Kitzler, entweder als tränenförmiges Etwas oder als pickelartiger Knubbel gezeigt. Auch ist die tatsächliche Größe – zwischen 8 und 10 Zentimetern – des Organs nicht beschrieben.

Erstaunlicherweise sind die Erklärungen zur Klitoris in den Schulbüchern des konservativen Bayern viel ausführlicher und präziser formuliert als in den Büchern für Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfallen. In den bayerischen Ausgaben wird die Klitoris als Schwellkörper, welcher der Eichel des Penis in seiner Funktion gleicht, erklärt und seine Bedeutung für die sexuelle Erregung erläutert. Diese Erklärungen fehlen in den Büchern für NRW und Baden-Württemberg.

Der Ernst Klett Verlag erstelle Bildungsmedien, die exakt auf die Bildungsziele der einzelnen Bundesländer abgestimmt seien, rechtfertigt Sprecherin Anja Vrachliotis die Entscheidung, die Klitoris nicht in ihrer Gesamtheit abzubilden. „Das Geschlechtsorgan der Frau wird hier für die fünfte Klasse anhand eines Sagittalschnitts durch das weibliche Becken fachlich korrekt dargestellt.“ Der Verlag stütze sich auf ein Sachbuch der Gynäkologie und Geburtenhilfe, um die Abbildungen zu erstellen. Tatsächlich wird die Klitoris auch in diesem Fachbuch schematisch nicht als Ganzes repräsentiert.

Immer mehr positive Beispiele

Bei Cornelsen und Westermann hätten die Fragen der taz-Recherche in den Redaktionsteams für Diskussion gesorgt, teilen die jeweiligen Sprecherinnen mit. Können wir uns also auf einen Wandel in der Klitoris-Repräsentation freuen? „Die Redaktion will die Darstellung der Geschlechtsorgane für die jetzt anstehende Neubearbeitung des Lehrwerks ‚Biologie Heute‘ für die 9. und 10.e Klasse überdenken“, schreibt Regine Meyer-Arlt, Sprecherin der Westermann Gruppe.

Der Biologieband von Cornelsen, in dem das gesamte Organ gezeigt wird, erscheint erst im April 2020. „In diesem Band ist die Klitoris fachlich korrekt abgebildet, weil die gesellschaftliche Sicht sich geändert hat“, sagt Irina Groh, Sprecherin von Cornelsen. „Die didaktisch reduzierte Abbildung ist nicht mehr aktuell.“ So möchte der Verlag nun bei künftigen Lehrwerken auch bei jüngeren Jahrgängen die Abbildung der ­Klitoris in ihrer Gesamtheit verwenden.

Zwar hat die französische Regierung keine Änderung der Lehrpläne veranlasst, doch folgten vier Verlage dem Vorreiter Magnard. Sie haben mit der Neuauflage der Schulbücher im vergangenen Herbst die Klitoris in ihrer vollen Pracht in ihren Werken abgebildet. Es ist noch offen, ob weitere Verlage diesem Trend folgen. Bis dahin bleibt der weibliche Orgasmus aus der Gleichberechtigungsdebatte ausgeschlossen. „Aber wie sollen wir die Gleichheit der Geschlechter erreichen, wenn solch fundamentales Wissen nicht vermittelt wird?“, fragt Pietri.

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