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CSU-Politiker Alois RainerAgrarminister dreht Klimafakten durch den Fleischwolf

Klimaschutz habe nichts mit dem Verzehr von Schnitzeln oder Würsten zu tun, behauptet Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer. Wissenschaftler sagen das Gegenteil.

Hier wird wenigstens nur Fleisch durch den Wolf gedreht: CSU-Landwirtschaftsminister Alois Rainer (Mitte) in einer Wurstfabrik Foto: Jens Büttner/dpa

Berlin taz | Bundesagrarminister Alois Rainer hat den Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Klimawandel bestritten. „Mir ist der Klimaschutz ein wichtiges Ziel, und der Klimaschutz ist der gesamten Bundesregierung ein wichtiges Ziel. Das hat mit dem Fleischkonsum meines Erachtens nichts zu tun“, sagte der CSU-Politiker und gelernte Metzger dem ARD-Magazin „Panorama“ laut Vorabbericht vom Donnerstag.

Auf schriftliche Nachfrage schrieb ein Ministeriumssprecher demnach, es sei wissenschaftlich belegt, dass sich Konsumverhalten auf das Klima auswirke. Rainer habe zum Ausdruck bringen wollen, dass Klimaschutz mehr umfasse und dass die Bundesregierung den Menschen keine Vorgaben beim Konsum mache. Ob der Minister hohen Fleischverzehr für klimaschädlich hält oder nicht, ließ das Ministerium dem Fernsehsender zufolge sogar auf erneute schriftliche Nachfrage offen. Auch der taz antwortete es nur ausweichend auf die Frage: „Ist Herr Rainer der Überzeugung, dass Fleischkonsum Treibhausgasemissionen verursacht?“

Mit seinen Klima-Thesen ist der CSU-Minister in der Landwirtschaft nicht allein. Sein Parteifreund Günther Felßner, Präsident des Bayerischen Bauernverbands und Vize-Chef des Deutschen Bauernverbandes, hatte Nutztiere als „klimaneutral“ bezeichnet.

Doch die wichtigste wissenschaftliche Instanz zum Klimawandel, der Weltklimarat IPCC, hat mehrfach auf ­Grundlage verschiedener Studien die Höhe der Treibhausgasemissionen von Fleisch beziffert. Die Experten sehen also eine Wirkung auf das Klima. Die ­Wissenschaftler haben auch festgestellt, dass eine Senkung des Fleischkonsums und pflanzliche Ernährung erhebliche Vorteile für das Klima hätten.

Die meisten Agrar-Treibhausgase entstehen laut Experten durch Tierhaltung

Laut Umweltbundesamt verursachte die Landwirtschaft 2023 inklusive der Emissionen aus Böden und Maschinen 14 Prozent der Treibhausgase in Deutschland. 58 Prozent des Ausstoßes aus der EU-Agrarbranche und von ihr genutzten Mooren entstanden 2020 nach Berechnungen der Denkfabrik Agora Agrar durch die Nutztierhaltung und Gülle.

Manche Bauern bezweifeln solche Forschungsergebnisse aber. Sie argumentieren wie Felßner, Vieh fresse Pflanzen, die den Kohlenstoff aus der Atmosphäre gebunden haben, und den es dann wieder abgibt.

Methan, Dünger, Böden, Pestizide…

Deshalb sind Tiere nach Ansicht von Fachleuten aber keinesfalls klimaneutral. „Ein Tier bringt keinen neuen Kohlenstoff in den Kreislauf. Das ist richtig. Ein Tier wandelt ihn aber um in Methan“, sagt Patrick Müller, studierter Landwirt und Tierhaltungsexperte des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Er verweist auf Angaben des Umweltbundesamtes, wonach Methan rund 28-mal klimaschädlicher als Kohlendioxid (CO2) ist. „Selbst die klimafreundlichere Weidehaltung ist nicht klimaneutral“, so Müller. Sogar der Deutsche Bauernverband schreibe, dass es „einen Abkühlungseffekt“ für das Klima gäbe, wenn der Methan­ausstoß stark reduziert würde.

Kühe etwa produzierten bei der Verdauung Methan, das zwar vergleichsweise schnell abgebaut werde, aber in dieser Zeit viel stärker zur Erderhitzung beitrage als CO2, ergänzt Friedhelm Taube, Agrarprofessor der Universität Kiel.

Zudem verursacht die Fütterung mit Pflanzen Treib­hausgase. „Wenn ich mit einem Traktor, der mit Diesel fährt, das Futter zu dem Tier fahre, dann habe ich natürlich schon einen fossilen Anteil in der Tier­haltung“, räumte auch Felßner auf Nachfrage der taz Mitte März ein. Aber wenn der Traktor mit Biokraftstoff betrieben werde und etwa Melkanlagen mit Solar- oder Windstrom, dann könne ebenfalls die Tierhaltung „ganz schnell klimaneutral“ werden.

Allerdings arbeiten bisher äußerst wenige Landwirte so. Und auch für die Herstellung von Biokraftstoff werden Treibhausgase ausgestoßen. Gerade entwässerte Moorböden, auf denen Futter oder Pflanzen für die Spritproduktion angebaut werden, haben hohe Emissionen. Weiterhin belasten die Bereitstellung von Pestiziden und die Düngung das Klima.

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8 Kommentare

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  • Bei so viel Ignoranz aus der Zentrale in Berlin muss die Intensität der Aufklärungsarbeit amplifiziert werden, sofort.



    Bei ndr.de zum 70. Geburtstag von Mojib Latif 2024:



    "Menschen seien Gewohnheitstiere, sagt Mojib Latif



    Was steht seiner Meinung nach im Wege, um in Sachen Klimawandel vom Reden ins Machen zu kommen? "Das Eine ist natürlich die Bequemlichkeit. Wir müssen uns ja in irgendeiner Art und Weise verändern, in ganz unterschiedlicher Hinsicht" - beispielsweise Energie anders zu erzeugen. Zudem seien Menschen Gewohnheitstiere, für die Veränderung erst einmal etwas Schlimmes sei. "Und dann ist eben die große Gefahr, dass bestimmte Interessengruppen es nicht wollen und Fehlinformationen in die Welt bringen. Das verunsichert natürlich auch eine Gesellschaft."



    Der Titel:



    "70. Geburtstag von Mojib Latif: "Ich kann noch etwas bewegen"



    Und für die LeugnerInnen in der BR ein ironisches:



    Avanti Dilettanti!

  • Mir ist es völlig Wumpe Ob, Wie, Was Klima schädlich beim Essen ist!



    Kurzum ich lasse mir von niemanden vorschreiben was ich zu Essen habe.



    Dies war für mich u.a. Grundlage meiner BuTg Wahlentscheidung und hoffe, ja erwarte nun vom Bundeslandwirtschaftsminister auch so zu handeln wie es die CSU vor der Wahl klar kommuniziert hat.

    P.S: Tierische Produkte künstlich teurer zu machen wäre auf jeden Fall ein Wahlbooster für die rechtskonservative Opposition.

    Die wohlhabenden Bevölkerungen zeigen der arbeitenden Mittelschicht das senkrechte Steakmesser. Frei nach dem Motto "Eure Amut k... Mich an"

    • @AuchNeMeinung:

      Na das ist doch mal 'ne klare Ansage: ICH ICH ICH und nochmal ICH.



      So ist es richtig. Was gehen mich andere Leute an, Hauptsache ich kriege was ICH will. Das nennt man Verantwortung, Rücksichtnahme und vorbildliches Verhalten gegenüber anderen....

    • @AuchNeMeinung:

      Na prima.



      Mit so einer Einstellung kommt die Welt auch endlich voran...

    • @AuchNeMeinung:

      Ihnen würde es sehr gut tun mal über ihren eigenen Tellerrand zu schauen und sich nicht nur sehr kurzsichtig und wie ein bockiges Kind zu verhalten.

      Genauso wie sie nicht in ihrer Essenswahl eingeschränkt werden wollen, wollen all die Generationen nach ihnen jedoch auch nicht in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Genau das wird aber passieren, wenn wir alle so weitermachen wie bisher. Die Meeresspiegel werden steigen, die Dürren werden länger, die Naturkatastrophen häufiger, die Zahlen an Menschen die fliehen müssen, weil sie Zuhause nicht mehr leben können, um ein Vielfaches steigen. All das wird die Generationen nach ihnen massiv belasten. Auch die Generation ihrer Enkel wird das schon zu spüren bekommen, aber ihnen ist ihr Fleisch auf dem Teller ja wichtiger….

      Es geht ja auch keineswegs um ein Verbot. Außerdem ist Fleisch ja auch nicht gerade das Gesündeste wenns um die Ernährung geht. Das Problem liegt ja darin, dass der Fleischkonsum in Deutschland so ungesund hoch ist.

      Bei Steuern auf Fleisch würde es sich ja nicht um eine künstliche Erhöhung handeln. Nur weil sich die Schäden und deren Kosten in der Zukunft befinden, heißt das ja nicht, dass sie nicht vorhanden sind!

  • Das ist ein weiterer Nachweis dafür, dass es in dieser Regierung von Hardcore-Lobbyisten nur so wimmelt:



    Der Chef persönlich hat eine "Heuschrecke" vertreten, der Landwirtschaftsminister die Fleischerinnung, die BT-Präsidentin die Alk-Branche und Nestlé. Der Fraktionschef begünstigt seine Lieblingsspedition (wider besseres Wissen) und die Wirtschaftsministerin ist eine "Fossil-Abhängige" Marionette. Aber das ist alles nicht so bedeutsam wie das Engagieren des eigenen Trauzeugen in einem Ministerium für einen untergeordneten Posten - DAS ist die Spitze der Beeinflussung auf Regierungen.....

  • Rein hypothetisch könnten Kühe und andere Wiederkäuer auch praktisch klimaneutral sein.



    Dazu müsste man diesen jedoch die Alge Asparagopsis mit ins Futter geben. Ergebnis sind laut Studien rund 90-98% weniger Methanausstoß ohne Nebenwirkungen.



    Das Problem ist, dass die Alge noch nicht in den Mengen kultiviert werden kann, die wir benötigen, die leichte Verderblichkeit.



    Realistisch ist z.Z. nur eine massive Reduktion des Tierbestandes und dann den restlichen Kühen/Ziegen die Alge mit ins Futter mischen.



    .



    Tierisches Eiweiß sollte im Idealfall hauptsächlich von Insekten stammen. Heuschrecken sind super schmackhaft zum Beispiel und auch Kakerlaken sind eine wahre Delikatesse (auch als Süßspeise). Insekten sind gesünder, umweltfreundlicher, billiger.

    • @sociajizzm:

      "Tierisches Eiweiß sollte im Idealfall hauptsächlich von Insekten stammen."



      Aus Massentierhaltung???



      Kakerlaken sind uns ja weniger sympathisch als z.B. Schweine oder Kühe. Also darf's man mit ihnen machen...