Klettern in der DDR

Über Grenzen gehen

Bernd Arnold gehörte zu den besten Kletterern der Welt. Sogar aus den USA kamen Bergsteiger zu Besuch. 30 Jahre Mauerfall – die Serie zum DDR-Sport.

Bernd Arnold blickt in den Himmel. Er trägt eine Schiebermütze, eine runde Brille und einen bunten Schal

Auch heute noch geht Arnold klettern, erst vor Kurzem mit seiner Enkelin Foto: dpa

BERLIN TAZ Der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht hatte einst den Spruch geprägt: „Jedermann an jedem Ort mehrmals in der Woche Sport.“ Neben dem von der Staatspartei SED hochgezüchteten, instrumentalisierten und dopingverseuchten Leistungssport mit seinen „Diplomaten im Trainingsanzug“ gab es in der DDR auch einen weitläufigen Rückzugsraum „Natur und Sport“. Diesen haben viele Menschen geschätzt. Dem grauen sozialistischen Alltag samt Ideologie und Eingemauertsein zu entfliehen, hieß die Devise vieler kreativer Individualisten.

Bernd Arnold ist mit seinen 72 Jahren noch immer ungemein drahtig. Er ist der wohl bekannteste Kletterer der DDR, der nun schon seit über 60 Jahren am Fels aktiv ist. Wie zahlreiche weitere Bergfreunde hat er trotz des SED-Regimes damals besonders die individuelle Freiheit am Fels genossen.

Geboren in Hohnstein im Elbsandsteingebirge, wo er bis heute wohnt, wurde ihm das Felsklettern regelrecht in die Wiege gelegt. Als Kind probierte er sich in spielerischer Form am Sandstein aus. Daraus wurde später eine Lebenspassion, die bis heute anhält. Über 900 Erstbegehungen im Elbsandsteingebirge stehen zu Buche.

Der Südtiroler Reinhold Messner adelte ihn einmal so: „Bernd Arnold gehört zweifelsfrei zu den besten Kletterern der Welt.“ In den 70er und 80er Jahren schraubte Arnold den Schwierigkeitsgrad im sächsischen Felsklettern immer weiter nach oben.

Nichts für empfindliche Füße

Die Sächsische Schweiz ist ohnehin die Wiege des Freikletterns. In seinem 1999 erschienenen Buch „Zwischen Schneckenhaus und Dom“ schrieb Arnold unter anderem: „Um die Geborgenheit im engen und engsten Sandsteinraum wissend, war es mir bisher gelungen, das alltägliche Leben besser zu meistern und seine Widrigkeiten abzuwehren.“

Linda, Studentin und Kletterin aus Dresden

„Ganz klar, dass wir von der jüngeren Generation den Bernd als großen Vordenker sehen“

Legendär ist auch seine oft praktizierte Barfußkletterei: „Wenn man ein Stück weit schmerzunempfindlich ist, dann ist das von Vorteil. Man spürt den Fels mit den nackten Füßen einfach viel besser.“ Wer empfindliche Füße hat, kriegt das natürlich nicht hin. Aber klar ist auch, „dass die heutigen Gummisohlen der Kletterschuhe eine viel bessere Reibung als die eigene Haut haben“.

Linda, eine Studentin aus Dresden und begeisterte Felserklimmerin, sagt: „Ganz klar, dass wir von der jüngeren Generation den Bernd als großen Vordenker sehen. Für mich persönlich ist sein Barfußklettern bis in höchste Schwierigkeitsgrade sehr beeindruckend. Aber es gibt natürlich auch noch andere ausgezeichnete Zeitgenossen wie zum Beispiel Gisbert Ludewig.“

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immerab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Arnold ist immer noch aktiv. Mit seiner Enkelin Johanna war er gerade auf Klettertour im heimischen Fels. Seine insgesamt vier Enkel sind sein ganzer Stolz. Ihnen hat er diese Form sportlicher Betätigung in der Natur natürlich auch beigebracht. „Wo hat man das schon wie hier im Elbsandsteingebirge bis hinüber nach Böhmen in Tschechien, eine solch wunderschöne Natur, wo man auf engstem Raum verschiedenste Landschaften erleben kann.“ Klettern ist für Arnold „schon immer Lebensschule und ein Weg der Selbstfindung gewesen“.

Hoher Besuch

Bergsteiger aus dem Alpenraum, aber auch aus den USA kamen zu DDR-Zeiten ins Elbsandsteingebirge, um mit Arnold zu klettern und sich mit ihm auch zu messen. Einer der ersten war 1972 der Franzose Jean-Claude Droyer. Später kamen Kurt Albert und Wolfgang Güllich aus Westdeutschland. Sie brachten den ausgezeichneten Kletterern um Bernd Arnold, der damals nur im Ostblock Berge erklimmen durfte, gutes Material mit, wie ordentliche Seile und Sicherheitszubehör.

Die DDR-Bergsteigerszene mit all ihren Individualisten wurde argwöhnisch überwacht

Unzählige Einladungen von Bergsteigerfreunden aus dem Westen konnte er nicht annehmen, weil die DDR-Behörden dies ablehnten. Was ihn maßlos ärgerte und ihn sogar einen Protestbrief an Staatschef Erich Honecker schreiben ließ. Wie zahlreiche Stasidokumente belegen, wurde die DDR-Bergsteigerszene mit all ihren Individualisten argwöhnisch überwacht.

Arnold, der damals als Buchdruckermeister in seiner eigenen kleinen Werkstatt arbeitete, kletterte und trainierte in jeder freien Minute, ohne staatliches Förderprogramm wie die DDR-Leistungssportler in ihren Klubs mit Rundumversorgung. Geräte, um die Muskeln zu trainieren, bauten sich Arnold und seine Kumpel selbst.

Im Jahr 1984 reiste wegen seiner chronischen Flugangst der Staatschef der Kommunistischen Volksrepublik Nordkorea, Kim Il Sung, mit dem Zug in die DDR und sah vom Fenster aus einige Kletterer in der Sächsischen Schweiz. Daraufhin lud er 1985 eine Bergsteigerdelegation aus der DDR, darunter auch Arnold, nach Nordkorea ein. Dort gelangen ihnen schwerste Klettereien im „Diamantgebirge“.

Ein tiefer Sturz

1986 durfte Arnold überraschend dann zumindest nach Griechenland reisen, zu einer Veranstaltung des Weltfriedensrats am Fuße des Olymp. Mit einem Kletterabstecher nach Meteora. Und 1987 zu einer Buchvorstellung von Wolfgang Güllich und Heinz Zak nach München, wo er unter anderen auch Reinhold Messner traf sowie die in den 1950er Jahren aus Sachsen in den Westen gegangenen Alpinisten Dietrich Hasse und Heinz Lothar Stutte.

Und als er 1988, mit 41 Jahren auf dem ­Höhepunkt seines Klettervermögens, zu einem erfundenen Jubiläum eines Onkels eingeladen war, nutzte er den von den DDR-Behörden für nur wenige Tage genehmigten Aufenthalt im ­Westen zu einer ausgiebigen Expedi­tionsreise nach Pakistan in das Karakorum mit mehreren bundesdeutschen Bergsteigern, darunter auch Kurt Albert.

Bernd Arnold, Kletterlegende

„Da bin ich dank meiner Bergkameraden dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen“

Doch dort stürzte Arnold nach einigen erfolgreichen Gipfelbesteigungen in eine heimtückische Gletscherspalte. Mehrere Beckenfrakturen mit hohem Blutverlust waren die Folge. Akutes Nierenversagen kam dazu. Es bestand Lebensgefahr. Mit viel Glück gelangen die Rettung und der Rücktransport nach Deutschland in ein Münchener Klinikum, wo er wochenlang lag.

Erst als er wieder halbwegs genesen war, kehrte er in die DDR zu Frau Christine und Tochter Heike zurück. „Ja, da bin ich damals dank der großen Hilfe meiner Bergkameraden dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen“, reflektiert er die wohl schwierigste Phase in seinem Leben.

Ost-West-Mischung

Arnold hat in seinem Kletterleben wahrlich einiges überstanden. Seit einigen Jahren klettert er nun bewusster. Verschlissene Schultern, Ellenbogen ­sowie Becken- und Wirbelbrüche, 2018 eine Rückenoperation fordern ­ihren Tribut und schränken den Ak­tionsradius ein. Auch Arnold wird eben älter.

In den Jahren nach dem Mauerfall und der damit verbundenen grenzenlosen Freiheit hat sich Arnold zahlreiche Bergträume erfüllt. Von den Alpen bis nach Patagonien.

Bern Arnold

„Ich würde mir wünschen, dass das sächsische Felsklettern in seinen Ursprüngen erhalten bleibt, da komme ich her, das sind meine Wurzeln“

Der gelernte Buchdruckermeister mit der eigenen kleinen Werkstatt gründete nach 1989 zwei Bergsportartikelgeschäfte in Hohnstein und Bad Schandau und ist „in ausgewählter Form“ als Kletterexperte und Tourguide bis heute im heimischen Fels unterwegs. „Die Teilnehmer kommen je zur Hälfte aus Ost und West.“ „Bereichernd“ findet er dabei „die vielen menschlichen Kontakte und die zahlreichen daraus entstandenen Freundschaften“.

Beim alljährlich stattfindenden und wegen der besonderen Atmosphäre einzigartigen „Bergsichten“-Festival in Dresden sagte Arnold im November 2017 auf die Frage, was er sich persönlich wünschen würde in Bezug auf das Klettern: „Ich würde mir wünschen, dass das sächsische Felsklettern in seinen Ursprüngen erhalten bleibt, da komme ich her, das sind meine Wurzeln. Aber andererseits ist es natürlich so: Vor Veränderungen kann man sich nicht verschließen, und dem muss man sich auch stellen. Es wird in der Zukunft notwendig sein, auch wenn das für viele schwer einsehbar ist, dass Veränderungen stattfinden. Aber es wäre egoistisch, wenn man den anderen die Möglichkeit des Kletterns verwehren würde.“ Den Sächsischen Bergsteigerbund (SBB) sieht er da „auf einem guten Weg“.

Der Hildesheimer Autor Peter Brunnert hat 2017 ein bemerkenswertes Buch über und mit Arnold veröffentlicht. Der Titel lautet „Ein Grenzgang“. Darin zeichnet Brunnert detailliert die spannenden Kletterabenteuer und das Leben von Arnold nach.

Den Mauerfall beschreibt Arnold der taz gegenüber „als großes Geschenk und vor allem die Reisefreiheit als Teil der wiedererlangten Freiheit“. Fügt aber die Einschränkung an, „dass man zum Reisen besonders zu ferneren Zielen auch das nötige Kleingeld braucht“. Weil er sich über einige Dinge nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 geärgert habe, hat er einen Kletterweg mit dem Namen „Deutsch-deutsche Vereinnahmung“ versehen. Ein kritischer Geist ist Arnold eben bis heute geblieben.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben