Kindeswohlgefährdung durch Lockdown: Ausmaß unbekannt

Wie viele Kinder derzeit unter Gewalt leiden, weiß niemand genau. Bremer Sozialarbeiter*innen staunen, wie gut viele Familien klarkommen.

Erwachsenenhände greifen nach einem Kinderkopf.

Niemand weiß, wieviele Kinder derzeit aufgrund der Einschränkungen misshandelt werden Foto: Patrick Pleul / dpa

BREMEN taz | Bisher gibt es keinen Anstieg von Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung oder Herausnahmen von Kindern aus ihren Familien, ausgelöst durch die Einschränkungen aufgrund der Pandemie-Maßnahmen. Das ergibt ein aktueller Bericht von Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne). „Der Kinder- und Jugendnotdienst verzeichnet keinen Anstieg der Fallzahlen, vielmehr einen signifikanten Rückgang, insbesondere in der Altersgruppe der Schulkinder“, heißt es darin.

Gleichwohl bedeute dies nicht, dass es keine Fälle von akuter Kindeswohlgefährdung gebe, sagt Bernd Schneider, Sprecher der Sozialsenatorin. Denn zum einen seien es oft Mitarbeiter*innen in Schulen und Kitas, die auf gefährdete Kinder aufmerksam werden – da derzeit nur eine Notbetreuung stattfindet, fallen diese als Meldeinstanzen weg.

Gleichzeitig haben die sozialen Dienste ihre Angebote eingeschränkt. So hat laut Deputationsbericht der behördliche Fachdienst junge Menschen „die persönlichen Vorsprachen auf ein Minimum reduziert, und arbeitet vorrangig unter dem Einsatz von Post-, Telefon-, E-Mail-Kommunikation.“

Kinderschutzorganisationen warnen deshalb seit Beginn des Lockdowns vor einem Anstieg von Gewalt gegenüber Kindern, den niemand mitbekommt. Besonders Kinder in Familien, die sich ohnehin in einer schwierigen Lage befänden, seien gefährdet, hatte vergangene Woche die Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds in Bremen dem Weser-Kurier gesagt. Derzeit steige der Druck in diesen Familien – und damit auch die Gewalt.

Routine-Untersuchungen verschoben

Diese Sorge hatte auch der Sprecher des Berufsverbands der Bremer Kinderärzte, Torsten Spranger, in der taz geäußert – bezogen auf alle Kinder. „Das Problem ist, dass wir nicht wissen, was zu Hause geschieht.“ Kinderärzte hätten nur halb so viele Patient*innen wie sonst, weil viele aus Angst vor Ansteckung nicht in die Praxis kämen.

Auch die Routine-Vorsorgeuntersuchungen waren bei Kindern ab zwei Jahren zunächst verschoben worden, sollen aber wieder aufgenommen und auch kontrolliert werden, wie ein Sprecher der Gesundheitssenatorin der taz sagte. Wenn Kinder trotz Aufforderung durchs Gesundheitsamt nicht vorgestellt werden, gibt dieses eine Meldung an das Jugendamt.

Auch der Sprecher der Sozialsenatorin befürchtet eine verstecke Zunahme häuslicher Gewalt. „Familiäre Krisen können sich jetzt verschärfen“, sagt Schneider. Es könne aber auch Familien geben, „die die zusätzliche gemeinsame Zeit nutzen, um Konflikte zu bearbeiten und dabei gute Erfolge haben“. Und: „Die Familien mobilisieren Ressourcen, die man ihnen vielleicht gar nicht zutrauen würde.“ Genaueres wisse man aber erst, wenn die Einschränkungen aufgehoben sind.

Ein ähnliches vorsichtiges Fazit zieht die Hans-Wendt-Stiftung nach sieben Wochen Pandemie-Lockdown. „Mein Eindruck ist, dass es im Großen und Ganzen funktioniert“, sagt Hans-Jürgen Lahann, der den Bereich der ambulanten Erziehungshilfen bei der Stiftung leitet, einem der größten Bremer Träger von Sozialarbeit in belasteten Familien.

Lahanns Team ist im Kontakt mit rund 60 Familien. Auch ihm hätten sich anfangs die „Nackenhaare aufgestellt bei der Vorstellung, dass diese Familien jetzt die ganze Zeit zusammen eingesperrt sind“, wie er es ausdrückt­. Aber seine Mitarbeiter*innen hätten den Eindruck, dass auch diese Menschen sich mit der Situation arrangiert hätten. „Einige bemühen sich um eine Tagesstruktur für ihre Kinder, in dem Rahmen, in dem sie es eben können.“

Da sie derzeit deutlich weniger vor Ort in den Wohnungen seien und viele Kontakte telefonisch liefen, bleibe „ein Rest Misstrauen“. Dennoch nehme er für die Zeit nach Corona mit, dass viele dieser Familien sich besser zu helfen wissen als oft angenommen.

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